Am 4.10., zum Abschluss der diesjährigen ökumenischen Schöpfungszeit, gab Papst Franziskus das Apostolische Schreiben „Laudate Deum“ heraus, „an alle Menschen guten Willens über die Klimakrise“ (1). Dieses quasi druckfrische Nachfolge-Schreiben von „Laudato Sí“ (2) haben wir am Sonntag, 29. Oktober im Gemeindezentrum gemeinsam gelesen. Moderiert und gut aufbereitet wurde der Text in angeregter und inspirierender, konzentrierter Atmosphäre diskutiert, in einem Kreis von insgesamt 16 Mitlesenden, die kamen und gingen und den Altersschnitt stetig schwanken ließen.
Die Beschäftigung mit dem Text sollte im Dreischritt von „Sehen-Beurteilen-Handeln“ erfolgen, wir begannen und beendeten den Lesetag jeweils mit einem Gebet aus „Laudato Sí“. Am Vormittag beschäftigten wir uns intensiv mit den ersten Abschnitten des Schreibens über die aktuelle globale Klimakrise und über den Versuch, diese technisch zu lösen. Christian Reiner erläuterte dazu zentrale Grafiken und Kurven, die den anthropogenen Klimawandel deutlich machen. Das „technokratische Paradigma“ nehme, Franziskus schreibt, an Einfluss zu und trage als versprochene, aber falsche Lösung des Klimaproblems zu dessen Verschärfung bei. Dieses Paradigma verhindere, das Problem in aller Deutlichkeit aufzudecken und die Wurzeln der Klimakrise in der Verdinglichung der Schöpfung und der Geschöpfe und deren marktförmiger Nutzung im Kapitalismus zu erkennen. Bezugnehmend auf den Heiligen Franziskus, Mt 6,28-29 und Lk 12,6 schreibt Papst Franziskus von der Zärtlichkeit Jesu zu allen Geschöpfen, zu den Lilien wie zu den Spatzen, die trotz minimalem Marktwert (fünf davon für zwei Pfennige) für Gott wichtig und unvergessen sind. Aus dieser Haltung, jedem Wesen der Schöpfung Würde entgegenzubringen, erwächst eine Verantwortung und Achtsamkeit für Gottes Schöpfung, jenseits wirtschaftlicher Nutzung und technologischer Perspektive.
Nach einem köstlichen Mittagessen aus mitgebrachten Speisen ging es am Nachmittag weiter mit der Frage nach eines wirkungsvollen Multilateralismus bei der Bekämpfung der Erderwärmung und deren Folgen sowie nach den Klimakonferenzen inkl. der nächsten COP28 in Dubai. Abschließend beschäftigten wir uns mit den „geistlichen Beweggründen“ von uns Christ:innen im Zusammenhang mit Schöpfung und Schöpfungsverantwortung. Dazu gab es Impulse aus dem Buch „Gott – Natur – Mensch. Eine theologische Standortbestimmung angesichts der Klimakrise“ (3) von M. Knapp sowie aus „Der letzte Christ“ über Franziskus von A. Holl. Zusammenfassend ging es bei unserem Lesetag um folgende Diskussionspunkte: der Einfluss, den Einzelne, die Zivilgesellschaft, die Politik, die Wirtschaft sowie die Kirche im Rahmen der globalen Klimakrise haben; die Gefahr eines Hängenbleibens in Dystopien; der verloren gegangene Bezug zur Natur sowie Verhalten – Verhältnis – Beziehung – Haltung des Menschen zur Schöpfung; Überlegungen zu den Wurzeln der Klimakrise im Wirtschaftssystem und in Technikgläubigkeit sowie die Frage, wie eine Verbindung von christlichem Glaube, Spiritualität und politischer Einsatz für eine (Klima-)gerechtere Welt aussehen kann.
Die Diskussionen liefen so angeregt, dass wir für den letzten und wichtigen Punkt „Handeln für Klimagerechtigkeit und gegen den Treibhausgas-Effekt“ kaum mehr Zeit hatten. Wir verlängerten die Zeit, diskutierten weiter und waren uns einig, dass es weitere Treffen braucht, die sich der Frage widmen, was wir insbesondere auf pfarrlicher und kirchlicher Ebene als Christ:innen tun können. Der genialen Idee von Christian und Alexandra Draxler-Reiner folgend konnten wir unseren Lesetag befriedigend und rund abschließen: indem wir nämlich als „Lesekreis Laudate Deum St. Ruprecht“ Zertifikate über zwei Tonnen CO2-Emissionen kauften, die stillgelegt wurden und somit die Atmosphäre nicht mehr belasten können (vgl. 4). Diese Idee eignet sich übrigens auch bestens als Weihnachtsgeschenk mit hohem Zukunftswert: Stille Nacht und still-gelegte CO2-Emissionen passen gut zusammen, finden wir.
Eva Posch
1: Originaltext Vatikan • Laudate Deum • 2023
2: Originaltext Vatikan • Laudat0 Si • 2015
3: Knapp, Markus. (2023). Gott – Natur – Mensch. Eine theologische Standortbestimmung angesichts der Klimakrise. Herder.
4: Der Verein „Compensators“ ermöglicht den Erwerb von CO2-Verschmutzungszertifikaten der Europäischen Union. Der Handel mit diesen Zertifikaten stellt das zentrale Klimaschutzinstrument der EU dar, das allerdings wirkungslos bleibt, da zu viele Zertifikate ausgegeben werden, somit der Preis für Emissionen zu gering und der alternative Ausbau erneuerbarer Energien zu teuer bleibt. Siehe auch: https://www.compensators.org/
