Ökumenischer Gedenkgottesdienst zum 85. Jahrestag der Novemberpogrome 1938 am 9. November 2023 in der Ruprechtskirche
Gleich eingangs wurden bei dem vom evangelischen Pfarrer Stefan Fleischer-Janits und Ruprechtskirchen-Rektor Alois Riedlsperger geleiteten Gottesdienst die Ereignisse der Nacht vom 9. auf 10. November 1938 gegenwärtig gemacht. Damals wurden im gesamten deutschen Machtbereich im Zuge des Nazi-Terrors Synagogen in Brand gesteckt, jüdische Geschäfte sowie Wohnungen zerstört und verwüstet. Zahlreiche Juden wurden bei den Pogromen getötet, in den Selbstmord getrieben oder verletzt.
Doch auch die Gräueltaten der Terrormiliz Hamas, die am vergangenen 7. Oktober im Süden Israels ein Massaker verübte und Geiseln nahm, waren bei dem Gedenkgottesdienst Thema, sowie auch die Folgen davon. Der Antisemitismus sei seither in vielen Ländern sprungartig angestiegen, mit Davidstern-Markierungen jüdischer Einrichtungen in europäischen Großstädten, einer Explosion von Gewalttaten und einer Vervielfachung von Äußerungen des Judenhasses in Sozialen Netzwerken. Auch in Wien habe es einen Brandanschlag auf dem jüdischen Teil des Zentralfriedhofes gegeben.
In seinen Worten des Gedenkens mahnte der Generalvikar der Erzdiözese Wien Nikolaus Krasa die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit den Judenverfolgungen der Geschichte und Gegenwart ein und stellte angesichts der grausamen Ereignisse vom November 1938 die Frage, „ob das Geschehen je adäquat in Worte gebracht werden kann“. Bisweilen erscheine es klüger, sich den Ereignissen schweigend zu stellen und sie auszuhalten, wie dies auch das alttestamentliche Buch Hiob vorschlage. Dennoch zeigten die jüngsten Ereignisse auf, „wie wichtig es ist, immer wieder das Geschehen in all seiner Grausamkeit zu thematisieren, es zu besprechen, sich daran zu reiben, es bewusst zu machen und wach zu halten – damit es vielleicht doch nicht wieder passiert“.
Statt eine Bitte an die „für alles Menschliche tauben“ Hamas-Anhänger um Freilassung der israelischen Geiseln zu richten, gelte es jetzt, „sich an alle zu wenden, die ‚Nie wieder‘ gesagt haben“, hieß es weiter in einem von einem Mitglied der Gemeinde St. Ruprecht vorgetragenem Text. Niemand dürfe den neuen Antisemitismus schweigend hinnehmen, denn: „Wer jetzt schweigt, soll keine Sonntagsreden mehr halten und keine Gedenksteine mehr putzen.“
Um eine Geisel-Befreiung und ein Ende der Auseinandersetzungen wurde gebetet, als Mitglieder der katholischen Hochschulgemeinde Wien Fürbitten vortrugen. „Wecke die Gleichgültigen, belehre die Unbelehrbaren, tröste die Trauernden“, hieß es in den Bitten. Die Geschehnisse vor 85 Jahren – aber auch jene vom 7. Oktober – mögen sich nie mehr wiederholen.
„Mechaye Hametim“ ist eine gemeinsame Veranstaltungsreihe der Gemeinde St. Ruprecht, dem Albert-Schweitzer-Haus-Forum für Zivilgesellschaft, der Evangelischen Hochschulgemeinde Wien und der Katholischen Hochschuljugend Wien, der Wochenzeitung „Die Furche“, dem Forum Zeit und Glaube – Katholischer Akademiker/innenverband der Erzdiözese Wien, der Katholischen Aktion Österreich, dem Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit und der Theologischen Kurse.