Fragmente 1992: Ausgewählte Artikel

 

Eine Hollandreise - die Mitbringsel

 

Was nehme ich mit? Was will ich der Gemeinde mitbringen?

Gedankensplitter der Teilnehmer des Holland-Seminars

 

  • Offenheit und Toleranz, die wir hier erlebt haben, wodurch so vieles möglich wird.
  • Dass sich unser Gemeindeleben mehr strukturiert, Ähnlich wie die Zellen weiterentwickelt.
  • Erfreuliche Feststellung, dass wir gar nicht so schlecht unterwegs sind.
  • Mut, sich als Gruppe auf etwas Neues einlassen, wodurch Entwicklung möglich und gefördert wird.
  • Kirche ist eine ständige Fortentwicklung, sie muss dynamisch sein, nichts Statisches.
  • Die Freiheit der Pastoralassistenten, die Kritikfähigkeit wären auch ein möglicher Weg für uns.
  • Herzliche Aufnahme im Sinne von »miteinander alles teilen«.
  • Den Mut mancher Gemeinden, obwohl die Obrigkeit nicht einverstanden ist und keine finanzielle Hilfe gibt.
  • Den Optimismus der Menschen mit denen wir gesprochen haben.
  • Gemischte Gefühle über das Kirchenverständnis in den Niederlanden, die starke Distanz zum Sakralen, die starke Neigung zum Profanen.
  • Gastfreundschaft Und Großzügigkeit nehme ich mit als Anregung z. B. für die Agape. Joop lädt zwar sehr herzlich ein, aber dann müßte öfter jemand auf Gäste zugehen und ein paar Worte sprechen…
  • Ich möchte gut Überlegen, ob das holländische Modell auf österreichische Verhältnisse angewandt werden kann: andere kirchliche Vergangenheit, andere Gepflogenheiten, andere Mentalität.
  • Ein großes Glück, dass das, was ich als Kind erlebt habe (Freundlichkeit), bestätigt wurde.
  • Eine Bestätigung für mich selbst, dass ich das alles durchstehen konnte.
  • Das Beispiel, dass sich eine Pfarrgemeinde nicht auflassen muss, wenn kein ständiger Pfarrer da ist - wenn sich Laien mehr beteiligen, selbst Wortgottesdienste gestalten...
  • Die „8. Mai”-Bewegung wird von älteren Leuten getragen - das ist eine Gefahr, die nächste Generation könnte nicht mehr weitertragen...
  • Pastoralkonzepte von Ricus Dullaert: Gastfreundschaft, Begegnung und Verkündigung. Die Gastfreundschaft ist entscheidend, ob beim ersten Kontakt aus einem Fremden ein Freund wird...
  • Begegnung mit den Gemeinden, mit einer anderen Kultur – befruchtend und anregend für uns, Auftrag der Verkündigung. Jede Gemeinde muss ihre Verkündigungsform finden.
  • Offenheit füreinander, Zuhören wollen, Erzählen wollen, Einlassen wollen. Besseres Verstehen unserer eigenen Liturgie.
  • Der Besuch in Holland ist für unsere Gemeinde eine Öffnung nach außen.
  • Freundbild von einer Gemeinde wirkt wie ein Spiegel und lenkt den Blick auf das Wesentliche.
  • Mehr Arten des »miteinander Redens« als Ausweg aus einer Leistungsgesellschaft. Viel Sinn für Humor.

 

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Fürbitte zu Weihnachten


Wider die Abweisung
Wider die Nachtangst

 

Der schwachen Stimme
aller Ortssuchenden wegen
Der Zerbrechlichkeit
eines Kinderschlafes wegen


Der Taubheit
für Engelsingen wegen

Um Wachsamkeit
Um Weisheit
Um Anteilnahme
Um Anfang

 

Joop Roeland

 

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Tora-Wochen

 

Vielen ist das sogenannte »Alte« Testament fremd oder nur bruchstückhaft bekannt. Allzuoft dominieren Klischees vom Rache- und Gewaltgott. Tief sitzt die Vorstellung, das »Alte«Testament sei vom »Neuen« abgelöst worden, also ungültig und ohne Eigenwert. In der Liturgie wird es meist als Vorspiel verwendet, in dem angekündigt wird, was sich allein im Messias Jesus, in der Kirche erfüllt. In den Nachkriegsjahrzehnten bemühten sich christliche Theologinnen und Theologen, das Verhältnis zwischen Juden- und Christentum neu zu definieren. Neu entdeckt Wurde dabei die bleibende Rückbindung an das biblische Judentum: »Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich« (Röm 11, 18).

 

Zwölf Mitglieder der Gemeinde haben im August vierzehn Tage gemeinsam im Weinviertel (Maria Oberleis) verbracht, um die Tora, die fünf Bücher Moses, zu studieren: die Mythen der Schöpfung und vom Sündenfall, die Geschichten der Erzväter und -mütter, die Verheißung des Segens, die Berufung des Mose, der Auszug aus Ägypten, der Bund am Sinai, die Gesetzesversammlungen, der Marsch durch die Wüste, der Blick ins Gelobte Land.

Zu je einem Teil in der fortlaufenden Lesung wurde von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern ein Referat vorbereitet, das vormittags in den jeweiligen Text einführte. Der Umgang mit dem Wort regte das Gespräch an, das Fragen, das Deuten. In der Liturgie am Abend wurden einzelne Themen vertieft. Die Gruppe wurde so zur Erinnerungs- und Erzählgemeinschaft, die den Wurzeln ihrer Religion auf der Spur ist.

 

Christian Stuhlpfarrer

 

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Amsterdam: Eindrücke einer Begegnung


Am Anfang war die Liturgie der Gemeinde St. Ruprecht in der Wiener Ruprechtskirche. Wir feiern sie jeden Samstag mit vielen übersetzten holländischen Liedern. Um diese Liturgie entstand eine Gemeinde, die versucht, sich Fragen unserer Zeit und Problemen unserer Stadt zu stellen. Aus dem gemeinsamen Leben, Arbeiten, dem gemeinsamen Feiern, Singen und Beten wuchs die Frage, wie Menschen in holländischen Gemeinden den Herausforderungen in ihrem Land und in ihrer Kirche begegnen. Durch unsere Kontakte mit der Gemeinde Houten Huis hatten wir vom 3. bis 10.Mai 1992 Gelegenheit ein wenig Einblick in das Leben mancher Gemeinden in Amsterdam zu gewinnen und die Stadt ein bißchen »von innen« kenenzulernen. Ich möchte versuchen einige Eindrücke davon zu formulieren:

Die Stadt: Ein neubarocker Bahnhof mitten in der Stadt, tausende Fahrräder, die wegen ihrer fehlenden Ausstattung in Wien striktes Fahrverbot hätten. Die Radwege hier können der Begeisterung sämtlicher nichtholländischer Radfans sicher sein, die Fahrweise der hiesigen Radfahrer/innen jedoch weit weniger. Räder, für die sich bei uns kein Mensch - höchstens die Müllabfuhr - interessieren würde, sind in Amsterdam mit armdicken Ketten zwei- bis dreifach gesichert.... Grachten erinnern ein wenig an Venedig und von den größeren und kleineren Häuser gleicht keines dem anderen. Das ist nicht erstaunlich, denn offenbar ist hier nichts so verpönt wie Uniforrnität. Der Schmutz in den Straßen ist verständlich, Papierkörbe sieht man hier nur sehr wenige.

 

Die Menschen: Für mich war es ein besonderes Erlebnis, wie offen, selbstbewußt und freundlich uns die Menschen in Amsterdam begegneten. Alle Hautfarben gehören selbstverständlich dazu. Die freundliche Auskunft, die ein Straßenbahnschaffner einer alten Thailänderin gibt, während die Fahrgäste geduldig warten, werde ich nicht so schnell vergessen. Kaffee/Tee zu jeder Tages- und Nachtzeit (oft von Max-Havelaar – ob man daraus auf entwicklungspolitische Sensibilität schließen kann?). »Jede/r spricht für sich selbst« ist hier die Regel. Das gilt auch für die Gestaltung der Kleidung, von Fahrrädern, Booten, Wohnungen, Häusern, Gärten; Autos, ja sogar der Menüs in der Studentenmensa. Wir haben den Eindruck gewonnen, daß der Mut zu Kritik und Veränderung groß ist. Als Kehrseite aber fällt ein Individualismus auf, der es schwer machen dürfte, beständige Gruppen zu bilden - ein Problem, mit dem fast alle Gemeinden, die wir besuchten, zu kämpfen haben.

Die Gemeinden: Bewundernswert ist der Mut und die Phantasie, mit dem die Basiskirche in Holland auf die sich verschärfende innerkirchliche Lage reagiert: Anstatt zu resignieren engagieren sich immer mehr Menschen in verschiedenen Gruppen. Kirche ist nicht mehr übermächtig und allgegenwärtig, dafür aber viel näher bei den Menschen. Wer sich trotz allem, was geschehen ist, für sie entschieden hat, ist sich (viel mehr als bei uns in Österreich) bewußt, daß er/sie wesentlich miteinander Kirche bildet, ich habe die Offenheit, mit der wir über Erfolge und Probleme in unterschiedlichen Gemeinden sprechen konnten, sehr genossen. Daß Menschen auch mit verschiedenen Konfessionen Kirche sein können, ist sehr ermutigend.

 

Das Jahrestreffen der 8.-Mai-Bewegung gab uns Gelegenheit, die Vielfalt der Gruppen zu bestaunen, die sich als kirchlich verstehen. Es ist wunderbar, daß dort so viel sein darf! Mir fielen besonders ökumenische Gruppen, Gruppen, die sich mit Homosexualität auseinandersetzen, sowie zahllose Stiftungen für Länder der »Dritten Welt« auf. Da können wir noch viel lernen!

 

Menschen im Houten Huis, die uns selbstverständlich und offen entgegenkommen und uns aufnehmen, sodaß wir uns von Anfang an wohlfühlen können. Sogar manche ihrer Lieber sind uns vertraut. Allerdings habe ich den Eindruck, daß es hauptsächlich Pierre Valkering ist, der die Gemeinde zusammenhält. Deshalb möchte ich ernsthaft die Frage stellen, ob sie auch ohne ihn »weiterleben« könnte. Müßte das nicht das Ziel einer selbständigen Gemeinde sein? Diese Problem scheint aber nicht nur die Gemeinde vom Houten Huis zu haben. Auch in anderen Gemeinden ist es nicht so einfach, ohne ständig verfügbaren Pfarrer auszukommen. Für uns war es sehr wichtig über diese Fragen zu sprechen, denn vielleicht wird auch unsere Gemeinde sich bald auf diesen Weg machen müssen....

 

Zum Schluß möchte ich mich noch sehr herzlich für die Gastfreundschaft bedanken, die uns diesen wunderbaren Aufenthalt und die vielen ermutigenden Erfahrungen in Holland ermöglicht haben. Ich wünsche uns allen, daß wir den Kontakt zueinander nicht verlieren. Auf ein Wiedersehen!

 

Gabi Kisser

 

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Die Glocken von St. Ruprecht


Kirchenrektor Anton Mauß schreibt am 30. 8. 1916 in die Pfarrchronik:

»Der Krieg wütet nunmehr schon im dritten Jahr. Im Inneren eine immer größer werdende Hungersnot. Das Kalbfleisch kostet 12 Kronen pro Kilo, Schweinernes 14 Kronen! Es sind ganz entsetzliche Zustände. Förmlich anarchistische Zustände unter den Geschäftsleuten. Horrende Preise werden von ihnen verlangt. Für meine Gastkinder kriege ich zu Nicolo und zu Weihnachten nichts zu kaufen.

In allen Kirchen werden die Glocken heruntergenommen oder zerschlagen, überall zwei Drittel der noch vorhandenen. Man war auch schon bei mir, hab' jedoch versichert, daß ich nur durch Gewalt die Glocken wegnehmen lasse....«

 

Wir haben nach Angaben der Fa. Grassmayr vom 2. 4. 1992 folgende Glocken:

 

  • 51,5 cm Durchmesser, ca. 80 kg Ton ges/2+4 ohne Inschrift
  • 48 cm Durchmesser, ca. 65 kg Ton as 2+3, ohne Inschrift
  • 43 cm Durchmesser, ca. 50 kg Ton b/2+3 Bild Kruzifix, Inschrift: Mich goss J.C.Hofbauer, Wien 1825, Umguß 1985.

 

Vor langer Zeit, als man noch kein Gewinde kannte, wurden die beiden älteren Glocken gegossen. Ihre Aufhängung ist noch im Original vorhanden. Der Schlagring ist schon zur Hälfte ausgeschlagen.

Der Glockensachverständige Sepp Österreicher schätzt die zwei inschriftlosen Glocken auf 600 bis 1000 Jahre. Sie sind somit zwei der ältesten Glocken Wiens. Es sind Septimglocken, wie man an ihrer Form erkennen kann. Das Glockengestühl wurde im Krieg mit Wasserglas gegen die Brandgefahr gestrichen.

 

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Gemeindetag Nachlese

 

Thema: Kindsein in unserer Gemeinde

Der Gemeindetag fand am 22. März wieder in Münchendorf bei noch kühlem, aber sonnig schönem Wetter statt.

Ablauf: Gemeinsames Frühstück, Impulse zum Thema, anschließend Arbeit in Kleingruppen, Mittagessen (verschiedene mitgebrachte Speisen), Pause zum Spazierengehen, Austausch der Ergebnisse der Kleingruppen im Plenum, Vesper – gemeinsames fröhliches Aufräumen.

 

Eindrücke aus dem Plenum
Meinungsspektrum in Schlagworten:

  • Den Platz für Kinder in der Liturgie erweitern.
  • Liturgie für Erwachsene und Kinder gestalten.
  • Ist so eine Messe möglich?
  • 14- bis 18-jährige fehlen – allerdings ist die »Basilika-Jugendmesse« jeden 3. Donnerstag in der Ruprechtskirche sehr gut besucht.
  • Manche Teilnehmer möchten nichts an der Liturgie ändern.
  • Haltung zu den Kindern und Wärme sind in der Liturgie wichtig.
  • Gegenseitiges Annehmen von Kindern und Erwachsenen.
  • Vorschläge zur Ausgestaltung des Altarraums für Kinder; Spielecke mit Betreuung.
  • Andere Teilnehmer wollen Kinder nicht in einen Nebenraum abschieben, keine Extrabetreuung.
  • Kinder zum Mittun aufforden, sie sollen in der Messe einen Raum haben, nicht nur Handreichungen leisten dürfen (z.B. Kerzen tragen).
  • Mystik: Man muss nicht immer alles verstehen, es kann auch einmal etwas unverständlich bleiben.
  • Wenn Eltern in schwierigen Phasen ihrer Kinder abwechselnd zur Messe kommen, ist die Agape für den nachkommenden Teil der Familie auch ein Gemeinschaftserlebnis.
  • Stören Kinder, die laut sind, unsere Gefühle?
  • Grundsätzlich freut die meisten Kinder der Messablauf nicht, sie merken sich aber zum Beispiel bildhafte Predigten (Roboter) oder würden gerne mehr mitgestalten.
  • Kinder sollte man dort erleben, wo sie zu Hause sind - nicht nur in der Liturgie. Das fehlt zum Großteil in unserer Gemeinde.
  • Die Bereitschaft der Gemeinde, die Kinder anzunehmen, wie sie sind, ist derzeit eher gering.
  • Auch wenn 80% der Messbesucher nicht sehr für Kinder eingestellt sind, gilt für die Schwächeren ein Minderheitenschutz.
  • Vorschlag: Einmal im Monat eine Messe mit Kindern und für Kinder gestalten, damit auch Familien mit Kleinkindern gemeinsam zum Gottesdienst kommmen können.
  • Gespräch der Familien mit kleinen Kindern untereinander erwünscht. (Ist es Eltern recht, wenn sich andere Erwachsene für ein Kind in ihrer Nähe verantwortlich fühlen?)
  • Eltern sein bedeutet oft Opfer zu bringen. Ist das auch im Gottesdienst zumutbar, damit z.B. Lesung und Predigt nicht durch zu viel Lärm für viele Personen unverständlich werden?

 

Resümee:

Über die zum Teil sehr gegensätzlichen Meinungen hat sich ein Gespräch entwickelt. Es hat gut getan, das »Miteinander-darüber-Reden« erlebt zu haben. Folgendes hat sich ergeben:

  1. Eine Messe am 16. Mai mit Kindern, für und über Kinder, anschließend ein Gespräch darüber: Wie war es für uns? Wollen wir so etwas wieder machen? Sollen wir Teile davon in die ständige Liturgie übernehmen?
  2. Familienausflüge, damit Kinder und Erwachsene einander auch außerhalb der Liturgie kennenlernen können.
  3. Gemeinschaft auch außerhalb der Liturgie, z.B. in der Agape erlebbar.

Helmut Schöberl

 

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Installation von Stefan Eins in der Ruprechtskirche

 

Inspiriert von und in Auseinandersetzung mit Religion, Geschichte, Architektur und Bildender Kunst plant Stefan Eins im Juni eine Präsentation in St. Ruprecht. Diese geplante freie Installation ist auch kunstgeschichtlich insofern ein Novum, als Malerei und Plastik innen und außen frei nicht nur im traditionellen Rahmen geschlossener Anbringung aber ohne Schädigung existierender Erscheinungswerte zur Anschauung gebracht und interpretiert werden. Ein ähnlicher Ansatz wurde 1987 in der romanischen Kirche in Thaon, Normandie von Stefan Eins verwirklicht. Ohne substantiellen Eingriff in den erhaltenen historischen Bestand wird mittels dieser interpretierenden modernen Gestaltung ein neuartiges Spannungsfeld zwischen dem authentischen Erscheinungsbild des historischen Kirchenbaus und der mobilen Installation, die in ihrer formalen Autonomie gleichfalls bestehen kann, wirkungsvoll entstehen. Die formale Diskrepanz zwischen historischem Erscheinungsbild und autonomer moderner Gestaltung wird durch die interpretierende Anpassung zu einer, neuen Gestaltungseinheit. Die Synchronie von Inspiration und Gestaltungsvorgang ausschließlich am zu interpretierenden historischen Objekt garantiert den Niederschlag einer lebendigen Inspiration im ausgeführten künstlerischen Endprodukt.

 

Herzlichen Dank gebührt Dr. Saliger, der den Künstler auf die Ruprechtskirche aufmerksam gemacht hat und dem Otto-Mauer-Fonds, der die Finanzierung ermöglicht hat.

 

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