Fragmente 1991: Ausgewählte Artikel

 

Von Haarlem nach Wien

 

»Vielleicht hält sich Gott einige Dichter, damit das Reden von ihm jene heilige Unberechenbarkeit bewahre, die den Priestern und Theologen abhandengekommen ist.« Kurt Marti

 

Mein Gott, Joop Roeland ist Sechzig! Überrascht stelle ich das fest. Scheint es mir doch erst vorgestern gewesen zu sein, da – im Herbst 1973 – unsere Wege begonnen haben, gemeinsame zu sein. Erleichtert und erfreut kann ich aber auch feststellen: Joop Roeland ist Sechzig und nichts von den regressiven Tendenzen eines angehenden Pensionärs ist bemerkbar. Nicht nur, dass er mit der Unberechenbarkeit des Gott und das Evangelium kündenden Dichters eine blühende junge Gemeinde in altes Mauerwerk gesetzt hat, sondern auch, dass er, der sich immer als Erbe von anderen, gesehen hat, sich anschickt, Wiens ältestes Kirchengemäuer, das unter einer jahrhundertelangen lieblosen Behandlung gelitten hat, eine auch materialisierte neue Ausstrahlung zu verschaffen. Er, den man bislang milder Ungeschicklichkeit und Praxisferne des Intellektuellen umgeben glaubte, findet den Mut zum Bauherrn Gottes. Er der uns, seinen studentischen Mitkämpfern, als Hochschulseelsorger zuweilen konfliktscheu und ängstlich erschien, geht nun mit bewundernswerter Gelassenheit und ohne Berührungsängste seinen Weg.

 

Wie dieser Weg vor der Zeit der Ruprechtsgemeinde verlaufen ist, sollen einige biografische Notizen erhellen, ohne den Anspruch zu stellen, damit dem Menschen Joop Roeland gerecht werden zu können.

 

Geboren 1931 in der niederländischen Stadt Haarlem als Sohn eines Bankbeamten, der das verkörperte, wofür Haarlem in Holland steht: als Inbegriff der Strenge, des Ernstes und der Zuverlässigkeit, dem Verstecken der Gefühle. Tugenden des Calvinismus, denen sich der Haarlemer Katholik Roeland sen. nicht entziehen konnte. Dennoch voller Träume – wie sich Joop als Erwachsenen erschloss – wie der vom Seefahrer. Die Mutter, eine Frohnatur, von der eher fröhlichen Amsterdamer Mentalität geprägt. Ein älterer und ein jüngerer Bruder und eine jüngere Schwester.

 

»Ich bin aufgewachsen in der Zerrissenheit von Lebenslust und Frohnatur«, gibt er fünfzig Jahre später zu Protokoll, um auch gleichzeitig von einer glücklichen mit vielen »Kindereien« angereicherten Zeit zu erzählen. Da er und sein älterer Bruder, der ihm beim Spielen ein dominierender Kumpel war, leicht jähzornig wurden, waren sie als Kinder »die beiden Fässer«, die gleich explodieren werden. »Priesterspielen« war im damaligen katholischen Teil Hollands durchaus üblich. Joop musste als Jüngere sich dabei zumeist mit der Rolle des Ministranten zufrieden geben. Nur einmal zum – gespielten – 25jährigen Priesterjubiläum seines Bruders durfte er predigen und nützte die Gelegenheit – so berichtete ihm später seine Mutter – um die Problematik einer mit einem Kinobesuch konkurrierenden Maiandacht abzuwägen.

 

Die Jahre der Ausbildung seien schöne Jahre gewesen, allerdings habe er an der Enge des Lebens gelitten. Immerhin durfte man etwa ein Buch von Graham Greene nur heimlich und begleitet von einem schlechten Gewissen lesen. Holland war ein buchstabentreues Kind von Rom, so darf es nicht verwundern, dass ein Satz wie der, »Die Kirche kennt zwar alle Gesetze, aber weiß sie, was sich im Herzen der Menschen abspielt?«, in den 50-er Jahren als Ärgernis galt. »Wir« – die jungen Priesterstudenten – »waren von solchen Sätzen ergriffen. Die neue Zeit hat sich damit bereits angekündigt.«

 

Um den Ernst des 1940 über Holland hereinbrechenden Krieges zu erfassen, die Verschleppung der dorthin geflüchteten Juden durch die Nazis, war er zu jung. Vielmehr sah er in den kleinen Widerstandsakten, die die größeren Kinder setzten – etwa deutschen Soldaten bei einer Parade anstelle zu gaffen den Rücken zuzukehren oder einen Sympathisanten des Faschismus unter den Lehrern einen Streich zu spielen – das große Abenteuer. Man durfte tun, was sonst streng verpönt war, etwa Holz zu klauen. Erst gegen Ende des Krieges, als sich sein Bruder dem drohenden Arbeitsdienst für die Deutschen nur durch Verstecken entziehen konnte, wurde ihm die Grausamkeit jener Zeit bewusst.

 

In der Mittelschulzeit, die Joop bei den Augustinern absolvierte, pflegte er zwei Berufsträume: Journalist oder Mittelschulprofessor. Geographie und Geschichte schwebten ihm als Fächer vor. Als vom Journalismus Träumender platzierte er seine ersten Übungen in der Schülerzeitung. »Über die Nützlichkeit von Geschichten« war der beziehungsvolle Inhalt eines ersten Aufsatzes, an dem er sich erinnert. Bald hatte er zur Stilform der Ironie gefunden, um auch gleich ein. Opfer der Zensur des Direktors zu werden. Ein in Katechismusform abgefasster Schülerzeitungsbeitrag erschien dem Chef der katholischen Schule als eventuell die Religion verunglimpfend und damit als unbillig. Mit der Ironie, gesteht er im Gespräch, hat er eine ambivalente Beziehung: »Ich habe es gar nicht so gern, wenn man mich ironisch behandelt. Selbst bin ich aber nicht so zimperlich. Auch wenn es gar nicht bösartig gemeint gewesen war, habe ich damit andere verletzt«. So erinnert er sich noch, seine Eltern in der damals noch mit festen konfessionellen Trennlinien versehenen holländischen Gesellschaft mit dem Weihnachtsgruß des Konfessionslosen »fröhliche Weihnachten« sehr verärgert zu haben. Darüber mache man keine Witze, wurde ihm beschieden. Katholiken grüßten mit »gesegnete Weihnachten«, Protestanten mit »glückliche«.

 

Gleich nach der Matura mit 18 Jahren trat er angeregt durch einen priesterlichen Lehrer und begleitet von der Skepsis seines Vaters in den Augustinerorden ein und sah sich in ein fremdes, schwieriges, aber auch faszinierendes Leben versetzt. Er, der sich als kurz davor noch pubertierender Mittelschüler zwar religiös interessiert, aber keineswegs besonders eifrig betrachtete, wollte auch sofort wieder das Kloster verlassen, aber bis Weihnachten, so sagte er sich, müsse er schon seines Vaters wegen durchhalten. »Und dann ist im Laufe der Zeit eine tiefere Inspiration gekommen.«

 

Joop studierte zusätzlich Germanistik. Eine Entscheidung die ihn aus der Enge Hollands wegführte, unter anderem nach München, wo die Vorlesungen Guardinis den kommenden Aufbruch der Kirche erahnen ließen.

 

Mit 25 Jahren war er Priester und unterrichtete in einer niederländischen Kleinstadt deutsche Literatur, bis ihn ein sogenanntes Sabbatjahr 1967 nach Wien führte, um eine begonnene Dissertation voranzutreiben. Sie ist heute noch unvollendet – aus dem Doktorandus (Drs.) ist noch immer kein Doktor (Dr.) geworden. Dafür gibt es drei Studentengenerationen, denen er in Wien Freund und Seelsorger war, unzählige gelungene Predigten, ein den Glauben anregendes literarisches Werk und eben die Gemeinde St. Ruprecht.

 

Ignaz Knöbl

 

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Pfingsten

 

es ist zeit
den wind
der hoffnung
hindurchwehen
zu lassen:
deine zukunft
hat angefangen

es ist zeit
zu gehen
den fussweg über
die wankende
brücke der sprache:
du wirst
ankommen

es ist zeit
türen zu öffnen
strassen zu begehen:
lauschend wartet
deine stadt

es ist zeit
feuer und flamme
zu sein:
erhebe fröhlich
dein herz

 

Joop Roeland

 

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