Fragmente 1988: Ausgewählte Artikel

 

 

Der heilige Ruprecht (Rupertus)

 

Es ist gar nicht so einfach, einem Heiligen nachzuspüren, der vor etwa 1300 Jahren gelebt hat. Das beginnt schon beim Namen: die nach ihm benannte Kirche in Wien heißt »St. Ruprecht« – der Landespatron von Salzburg jedoch ist der heilige Rupert(us); sein Festtag am 24. September ist der »Ruperti«-Tag, an dem die Salzburger Kinder schulfrei haben. Und diese beiden Heiligen sind identisch! Der Name kommt aus dem Althochdeutschen: Hrodbert, Hroudperth, Ruodpert, Hruetprecht sind die verschiedenen Formen, die gemeinsame Bedeutung: »der Ruhmglänzende«.

 

Unterschiedlich sind auch die Angaben, wann Bischof Rupert nach Salzburg gekommen ist – sie variieren zwischen 513 bis 896, letzteres Datum gilt als das wahrscheinlichste. Fest steht, daß er aus Worms kam; er stammte aus dem rhein-fränkischen Geschlecht der Robertiner, die mit den Karolingern verwandt waren. In seiner Heimat war er bereits Bischof. Er kam über Bayern, machte Station in Regensburg, am Hof des Herzogs Theodo. Ob es jedoch eine Missionsreise gewesen ist, oder ob er aus politischen Gründen fliehen mußte, scheint auch nicht ganz klar zusein. Nach einem nicht ganz sicher belegten kurzen Aufenthalt in Lorch ließ er sich in Juvavum nieder, dem heutigen Salzburg; der Bayernherzog hatte ihm das Stück Land geschenkt, auf dem noch Reste der Römersiedlung, keltische und/oder alpenslawische Bewohner und wahrscheinlich eine kleine klösterliche Gemeinschaft zu finden waren. Rupert gründete dort das (heutige Benediktiner-) Kloster St. Peter – das älteste Kloster Österreichs. Auch das Nonnenkloster auf dem Nonnberg, das erste Frauenkloster im Alpengebiet, verdankt dem Heiligen seinen Ursprung; seine Nichte (oder Schwester) Erentrudis war die erste Äbtissin. Als Benediktinerkloster ist es heute das älteste ununterbrochen bestehende Frauenkloster im deutschen Sprachraum. Das Kloster St. Peter war der Ausgangspunkt für die Christianisierung des umliegenden Salzburger Landes. Missionsreisen führten den Heiligen in die Umgebung, Kirchengründungen werden ihm in Salzburg-Maxglan, Seekirchen am Wallersee und Bischofshofen zugeschrieben. Salzburg erlebte offenbar einen beträchtlichen Aufschwung in dieser Zeit; der Bayernherzog wählte den Ort als Residenz für einen seiner Söhne. Er schenkte Rupertus weitere Ländereien, vor allem aber auch das Recht der Salzgewinnung in »Hala«, dem heutigen Reichenhall.

 

Das Salz stellt wieder die Verbindung her von Salzburg nach Wien: Salzschiffer haben bekanntlich in der Gegend von St. Ruprecht ihren Stützpunkt gehabt (Salzgries und andere Namen erinnern daran) die Kirche war die Zunftkirche der »Salzer«. Und das besondere Kennzeichen des heiligen Rupert oder Ruprecht auf Bildern oder Statuen ist das Salzfaß.

Auf dem Areal des Friedhofs von St. Peter in Salzburg steht die Kreuzkapelle, von der es einen schmalen Zugang – eher einen »Schlupf« in die Ägidius-Kapelle gibt; diese wurde 1172 eingeweiht und schon damals als »spelunca«, d. h. Gebetshöhle des heiligen Rupertus bezeichnet.

 

Etwa um 850 wurde eine Vita des heiligen Rupert verfaßt, die mit folgenden Sätzen schließt: »Er baute und weihte Kirchen und ordinierte Kleriker aller Grade. Da er den Tag seines Hinscheidens kannte, kehrte er in seine Bischofsstadt zurück, weihte sich einen Nachfolger und verschied am Tag der Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus.« (Gemeint ist der Ostersonntag, der 27. 8., des Jahres 718.) Daß er am Ostersonntag gestorben ist, berichten mehrere Quellen - doch ob seine Bischofsstadt Worms oder Salzburg war, ist wieder nicht ganz eindeutig. Daher ist auch als ursprüngliche Begräbnisstätte einmal Worms angegeben, einmal Salzburg. In der Kirche St. Peter (erbaut 1143) brennt ein ewiges Licht an der Stelle, wo früher der Sarkophag gewesen ist; eine Prophezeiung besagt, daß Salzburg an dem Tag zerstört wird, an dem dieses Licht erlöschen würde. In der Zeit der Aufklärung wandte man sich gegen den Aberglauben und verbot das Brennen des Lichtes – doch heimlich wurde es in einer Nische der Chorkapelle weitergehütet und brennt heute noch... Nach der Errichtung des ersten Salzburger Domes sind die Gebeine von St. Rupert 774 (oder 784) feierlich beigesetzt worden; auch der heutige Salzburger Dom beherbergt das Grab des Heiligen.

 

Sein Name und sein Bild sind im Salzburgischen häufig anzutreffen. Auch Gegenstände, die angeblich aus seinem Besitz stammen, werden noch aufbewahrt, z. S. eine Reiseflasche. In der Schatzkammer von St. Peter soll der älteste vorhandene Bischofsstab ebenfalls vom Heiligen Rupert stammen.

 

Elisabeth Helmich

 

 

Quellen: K.H. Ritschel: Salzburg - Anmut und Macht P. Zsolnay 1970 Johannes Neuhardt: Eine neue Epoche der Glaubensverkündigung – Rupert und Virgil

Siehe auch Artikel |»Ein Heiliger für jede Jahreszahl«| .

 

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Salz

 

Unter den Zugreifhänden
in dem Selbstbedienungsladen
eine Hand, die anderen hilft,
und Augen, die,
den Blicken widerstehend,
ihre Freiheit bewahren:
ein Mensch, ein Nachsinnender,
den die Billigangebote
des Marktes nicht berühren,
denn seine Wurzeln
suchen den Ursprung

Im Kreis der Spötter sitzt er nicht.
Seine Worte sind
wie das Rauschen
der kleinen Wellen
am Meeresstrand:
sie verführen zur Ferne,
das Salz im Wasser
schmeckt nach Zukunft

 

Joop Roeland

 

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St. Ruprecht 1938 bis 1945 (2)

 

Unser Aufruf an Augenzeugen über die Ereignisse von 1938 bis 1945 im Zusammenhang mit der Ruprechtskirche zu berichten, war von Erfolg gekrönt. Diesmal kommt Primarius Univ. Doz. Dr. Herbert Sighart zu Wort.

»Ich kam als Medizinstudent in Uniform am 1. Jänner 1940 auf ain Trimester nach Wien. Ich bin ein gebürtiger Oberösterreicher und hatte daher einige Zeit notwendig, um die Wiener Verhältnisse kennen zu lernen. In diesen drei Monaten habe ich die Katholische Hochschulseelsorge, wie sie offiziell geheißen hat, nicht kennen gelernt. Aber durch eine Fügung Gottes konnte ich mein Studium im Sommersemester 1941 wieder fortsetzen und kam so im Herbst 1941 zufälligerweise zu einer Einladung zu Predigten von Otto Mauer nach St. Peter und dabei lernte ich die Hochschulseelsorge unter Karl Strobl kennen. (Anmerkung der Redaktion: die Kirche St. Peter war damals die Heimstätte der Studentenseelsorge).... Von diesem Augenblick an war ich Mitglied der Katholischen Hochschulsselsorge und erlebte wöchentlich mindestens einmal wenn nicht zweimal dis gemeinsame Eucharistiefeier mit meinem unvergeßlichen Freund Dr. Karl Strobl, der damals liebevoll nur Charly genannt wurde. Wir waren hier eine sehr bunte Gesellschaft von Mädchen, die nicht einrücken mußten, und vor allem von Medizinstudenten. Wir hatten mit unserem Seelsorger einen wohl einmaligen Freund und Lehrer.... Strobl hatte lediglich immer Angst, daß wir unsere Form des Zusammenlebens so betreiben würden, daß er zum Schluß mit seiner ganzen Hochschulseelsorge bei der Gestapo landen würde... Sicherlich eines der bedeutendsten Ereignisse, rein äußerlich gesehen, war für die Ruprechtskirche der Bombenangriff am 12. 3. 1945, den ich mit vielen anderen der katholischen Hochschulseelsorge in den Katakomben des Churhauses überlebte. Damals wurde ja sehr viel zerstört. Die Innenstadt brannte, die Oper war ausgebrannt. Wir gingen damals eine kleine Gruppe nach St. Ruprecht um nachzuschauen und sahen voller Entsetzen, daß das Dach keine Ziegel mehr hatte.

Trotzdem feierten wir wenige Tage später dort wiederum die Hl. Messe, wobei aber in die rückwärtige Seitenkapelle ununterbrochen die Leichen aus einem Luftschutzkeller, der durch eine Bombe zerstört worden war, gebracht wurden. Ungefähr 35 bis 40 Tote wurden übereinander geschlichtet in der Seitenkapelle gelagert. Mit meinem Freund dem späteren Hofrat Dr. Seliger, Facharzt für Frauenheilkunde, waren wir aber dennoch guten Mutes. Es lagen viele Rollbalken herum und wir begannen ein sicherlich sehr stümperhaftes Werk, wir versuchten das Dach provisorisch mittels der kaputten Rollbalken zu decken. An diese Arbeit kann ich mich noch gut erinnern. Strobl kam dann dazu und stellte sich mit uns an die Rampe, die auf den Morzinplatz hinunterschaut wo noch das Hotel Metropol, das Hauptquartier der Gestapo, stand. An diesem Tag war eine Bombe so abgeworfen worden, daß sie im Hof des Hotels explodiert war. Von außen sah es völlig unversehrt aus. Wenn man aber näher hinschaute, sah man, daß das ganze Hotel Metropol nur mehr in den Außenmauern stand. Ich kann mich noch gut erinnern, wie Strobl damals sagte, eine heimtückische Bombe. Und dann kam ich von Wien weg und kam nach St. Ruprecht erst im Herbst 1945 wieder, als ich mein Studium beendet habe. St. Ruprecht wird mir und allen, die damals dabei gewesen sind, eine lebenslange Heimat darstellen, auch dann, wenn ich sie in der letzten Zeit nicht mehr besucht habe....«

 

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St. Ruprecht 1938 bis 1945 (1)


Die Ruprechtsgemeinde im Schatten der Ereignisse von 1938 bis 1945, dargestellt nach der Chronik der Ruprechtskirche. Als Quelle für diesen Bericht diente ausschließlich die Chronik. Hintergrundinformationen konnten keine recherchiert werden. Etwaige Augenzeugen werden gebeten der Redaktion der FRAGMENTE ihre damaligen Wahrnehmungen zu berichten.

»...die Tage der Vereinigung Österreichs mit dem großen Reiche sind geschichtlich so groß, dass die Gegenwart sie kaum recht zu würdigen imstande ist...«. Dieser eine und die wenigen anderen Sätze in der nur 16 Zeilen umfassenden Chronikeintragung zum Jahr 1938 sind es, die den Leser 50 Jahre danach nicht nur irritieren, sondern sogar schockieren. Doch vielleicht lasst die letzte Zeile trotz manch anderer Deutungsmöglichkeit ein schwaches Aufbäumen vor der Unterdrückung erahnen, wenn da zu lesen ist: »...ohne seine Gnade (Gottes – Anm. d. Verf.) und Hilfe bliebe alles menschliche Vollbringen doch nur Stückwerk«.

 

Erst nach diesem Absatz erfährt der Leser, wie sehr die Ruprechtsgemeinde schon seit der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1938 gelitten hat, dass die Chronik in den Jahren 1939 bis 1945 nicht weitergeführt, sondern Ereignisse in der Ruprechtsgemeinde während dieser Zeit erst nach Kriegsende aufgeschrieben wurden: Spitzel der Gestapo beobachteten bereits 1938 die Gottesdienste; die seelsorgliche Arbeit und die Wallfahrten nach Mariazell waren unter diesen Umständen erschwert; die Generalversammlungen des Mariazeller-Vereines konnten nur noch in Form von geistlichen Andachten in der Kirche gehalten werden. Der Kirchenrektor Prälat Jakob Fried, von der Gestapo seit längerer Zeit beobachtet (welcher konkrete Anhaltspunkt den Verdacht der, Gestapo auf ihn gelenkt hatte, geht aus der Chronik nicht hervor), musste Verhöre vor Parteibehörden und Verwaltungsstellen der Nazis ertragen, sah sich Hausdurchsuchungen in der eigenen Wohnung und in der Zentralkanzlei des Katholischen Volksbundes ausgesetzt und wurde bereits am 21. November 1939 von der Gestapo am Morzinplatz in Haft genommen. Die gegen ihn erhobenen Anschuldigungen lauteten: Hochverrat und Verletzung der Anzeigepflicht. Viereinhalb Jahre lang musste Prälat Fried in verschiedenen Gefängnissen verbringen und ist während dieser Zeit nur knapp einem Transport nach Dachau mit dem Auftrag »ihn innerhalb einer Woche aus dem Leben zu schaffen« entgangen. Den Freunden Frieds gelang es jedoch, ihn »mit Hilfe eines gutgesinnten höheren Gestapobeamten« freizubekommen. Nach einem kurzen geheimgehaltenen Aufenthalt in Nordböhmen wirkte er ab September 1944 wieder in Wien – als »Unterseeboot« und erlebte so am 10. April 1945 die Befreiung der Inneren Stadt, die zu dieser Zeit nur noch ein Trümmerhaufen war, von den Nazis.

 

Diese Schilderungen stellen wahrlich einen markanten Kontrast zu denen über das Jahr 1938 her. Waren die lobhudelnden Worte zum Anschluss vielleicht aus Angst vor dem Wachwerk der Nazis, vor ihrem »Stückwerk« geschrieben worden? Nun offenbarte sich dieses »Stückwerk« in sich zusammengestürzt, und seine Trümmer waren die gefesselte Freiheit, die mit Füßen getretene Menschlichkeit und die an Millionen Mitmenschen, vor allem jüdischen, begangenen Verbrechen. Weiterlesend erfahren wir, dass die Ruprechtsgemeinde nach der Verhaftung von Prälat Fried von den Redemptoristen von Maria am Gestade betreut wurde. Auch der Studentenseelsorger Dr. Karl Strobl (dem die »Freunde der Katholischen Hochschulgemeinde« als dem Gründer der Katholischen Hochschulgemeinde Wien vor kurzem in einem Festakt gedachten) feierte hier oft Gottesdienste und Andachten mit den von ihm betreuten Studenten.

 

Sogar die Feier des 1200 jährigen Bestehens von St. Ruprecht konnte in Form von Messen, Festpredigten und Andachten vom 21. bis 29. September 1940 begangen werden. Am Tag des Hl. Rupertus (24. September) hielt Kardinal Dr. Theodor Innitzer selbst das Pontifikalamt. Eine Gedenktafel, die freilich erst 1946 vom wiedereingesetzten Kirchenrektor Fried vor dem Presbyterium angebracht werden konnte, erinnert heute an dieses Jubiläum (derzeit befindet sich diese Tafel beim hinteren Kircheneingang). Die ersten Tage des April 1945 ließen diese kleine Kirche Tod und Vernichtung, wie das Dritte Reich sie überall hin gebracht hatte, hautnah erleben: Erstens den Tod vieler Menschen, den die Kämpfe zwischen russischen und »deutschen« Truppen forderten. Dutzende Tote brachte man in die Kirche, ehe man sie erst Tage später beerdigen konnte. Zweitens hatte materielle Vernichtung die Kirche heimgesucht. Eine Granate hatte das Deckengewölbe im Presbyterium eingeschlagen, Kirchen- und Turmdach waren beinahe ganz zerstört worden, Fenster zerschlagen, Außenmauern hatten Einschüsse erlitten und Paramente waren teilweise entwendet worden. So also stellte sich das Bild der Ruprechtskirche in der Karwoche des Jahres 1945 dar. Die Verwüstungen an und in der Kirche hatten auch das Gebet in diesem Gotteshaus verstummen lassen. Weder die Karwoche noch das Osterfest konnten aufgrund der gegebenen Umstände gefeiert werden. Erst nach wenigen Wochen war es möglich, die Kirche zu reinigen, und die Feier der Gottesdienste konnte wieder aufgenommen werden.

 

Im Juni 1945 hatte auch Prälat Fried die Seelsorge von St. Ruprecht wieder übernommen. Viel Einsatz galt nun auch dem Wiederaufbau des Gotteshauses. Geldspenden waren zwar gesammelt, doch die Materialbeschaffung zur Wiederinstandsetzung stellte das größere unter allen Problemen dar. Wesentliche Restaurierungsarbeiten konnten im Jahr 1945 nicht mehr durchgeführt werden. Es sollte noch bis zum Sommer 1946 dauern, ehe das Gotteshaus wieder soweit hergestellt war, dass hl. Messen und Andachten ohne witterungsbedingte Behinderungen gehalten werden konnten.

 

Waltraud Knöbl

 

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