Literatur im Advent

Erzählungen von Heinrich Böll
Auf Eselswegen und Trampelpfaden

An den Adventsonntagen werden in St. Ruprecht Erzählungen von Heinrich Böll von Lektoren aus der Gemeinde gelesen. Die Musik an diesen frühen Abenden wird ebenfalls von Instrumentalisten aus dem Umkreis von St. Ruprecht bestritten.

Heinrich Böll wurde im Kriegsjahr 1917 in einer kinderreichen, katholischen Familie in Köln geboren. Seine erste Erinnerung, sagt er, ist die Rückkehr der geschlagenen Armee aus dem Ersten Weltkrieg. Als Kriegsteilnehmer und Heimkehrer des Zweiten Weltkrieges kennt er die Nöte der Soldatengeneration. Diese Erfahrungen prägen sein Schreiben und finden in Romanen und Erzählungen, sowie Hörspielproduktionen ihren Niederschlag. Der spätere Nobelpreisträger des Jahres 1972 ist sich seiner katholischen Wurzeln immer bewusst. Doch ist das Verhältnis zum deutschen Nachkriegskatholizismus immer wieder schwer belastet. Schon 1958 sorgt der angekündigte "Brief an einen jungen Katholiken" für Wirbel. Nach Protesten wird die Hörfunkfassung abgesetzt. 1976 tritt Böll aus der Kirche aus. Der viel gelesene Autor der friedensbewegten 80er-Jahre war nie ein Festtagsschreiber. Satire, kleiner Mann und Krieg und Terror sind seine angestammte Domäne.

Es gibt also auch zu dieser Weinnachtszeit keine „allgemeine Pralinenproduktion”, wie Böll seine Absage an den herrschenden Publikumsgeschmack der Nachkriegszeit benannte. Gerade in dieser Zeit, den frühen 50-er Jahren, schrieb er jene Weihnachtserzählungen, die um die Festtage in Zeitschriften und Zeitungen erschienen. Die gewählten Texte haben unmittelbar mit Weihnachten zu tun. Die zum Teil kargen Ereignisse finden an Weihnachtsabenden statt. Die bekannte Satire mit dem sprichwörtlichen Titel „Nicht nur zur Weihnachtszeit” führt die abendliche Familienfeier in eine bedrückende Banalität über. Jeden Abend muss fortan auf Wunsch von Tante Milla Bescherung gefeiert werden. Bis zur Erstarrung. Die Penetranz der unablässigen Wiederholung verhilft der weihnachtlichen Kunde nicht zum Durchbruch. Bölls auch unterschiedlichste Zugänge lassen kaum ein weihnachtliches Gelingen zu.

Die Leseabende sind deshalb im Zusammenhang mit der samstäglichen Gottesdienstreihe in St. Ruprecht zu sehen und zu verstehen. Joop Roeland wird unter dem Titel „Eselsweg nach Bethlehem” mit eigenen Erfahrungen und Texten jene Augenblicke und Zonen des Alltags aufgreifen, wo vielleicht wider Erwarten oder unerwartet etwas passiert, was weihnachtlich genannt werden kann. Roelands Behutsamkeit, die den Blick auf den Nebenschauplatz lenkt, und Bölls moderne Resignation gegenüber dem Mainstream des Wiederaufbaus, eben des Trampelpfades, haben ähnliche Anliegen. Beide gemeinsam zeigen, dass in der allgemeinen Hektik wunderbare Augenblicke des Heils geschehen - das ist die von Joop Roeland bevorzugte Spurensuche - und dass es in der Aufbruchs- und Verdrängungsgeschichte der Nachkriegszeit, die immer wieder auch unsere Fortschrittszeit ist, Verlierer und Verlorene gibt. Der Blick wird auf das Kleine oder den Kleinen gerichtet.

Hannes Hochmeister
Literarisches Forum

aus: FRAGMENTE 19.Jahrgang /Nr.1 / Dezember 2004

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