Alle heiligen Zeiten

Weihnachten - Ostern - Pfingsten

Literatur in St. Ruprecht:

Das kann und wird von St. Ruprecht niemand behaupten, dass man hier nur alle heiligen Zeiten Literatur zu hören bekäme. Joop Roeland greift in seinen Predigten auf Erlesenes zurück und etliche fragmente-Leser suchen und lesen zuerst das Gedicht, das in keiner Ausgabe fehlt. Die Lieder von Huub Osterhuis sind ans Herz gewachsen. Auch jene von Otto Friedrich befinden sich auf dem Weg zu Klassikern.

Darüber hinaus gab und gibt es im laufenden Kirchenjahr neue literarische Veranstaltungen. Im Advent waren das die Lese- und Musikabende mit Erzählungen von Tolstoi.

In der Fastenzeit war der Prophet Jeremia der aktuelle Mahner und Künder. Die lange Lesung der Jeremia-Biographie „Höret die Stimme” von Franz Werfel ging gut zu Ende. In 36 Teilen und an 36 Tagen, eine ganze Fastenzeit, trafen Text, Leser und Zuhörer einander. Die Ruprechtskirche trug atmosphärisch das Ihre bei. Außen herum gab es etliche Varianten des Wetters und der Dämmerung. Leser und Leserinnen haben durchgehalten. Die Zuhörerschaft war erwartungsgemäß gering. Jene, die hörten, waren von dem Text beeindruckt. Einige Zuhörer lasen den großartigen Roman parallel zum Lesemarathon, erstmals oder wieder. Die Anerkennung für die Idee war eine große, der Zuspruch durch Anwesenheit ungleich geringer. Vor allem von den Lesenden, die mit dankenswertem Einsatz den Text verlautbart und interpretiert haben, geht der Anstoß für eine nächste Lesung im nächsten Jahr aus.

Zu Pfingsten bietet sich die Zeitform der Novene an. An den Abenden zwischen Christi Himmelfahrt und dem Pfingstsonntag gibt es mit der neuntägigen Andacht die traditionelle Form der Vorbereitung auf das Hochfest. In Abstimmung mit dem Liturgiekreis und in Zusammenarbeit mit dem Literarischen Forum werden an den Abenden Frauen aus der Bibel anhand von Gedichten und ihren biblischen Geschichten vorgestellt. Gemeindemitglieder und Freunde sprechen zum Thema, bringen Poesie und Bibeltext zusammen und weisen auf Frauentaten und -schicksale hin. In den Gottesdiensten während der Novenenzeit werden auch die prominente Frauen Eva, Mirjam und Maria zur Sprache kommen. Doch auch die weniger bekannten oder gar namenlosen Frauen der Wochentage wurden von Frauen und Männern in ihr Dichten aufgenommen.

Nach den stimmungsvollen Tolstoi-Lesungen im Advent mit Musik, den puritanischen Fastenlesungen zum Propheten Jeremia gibt die Pfingstnovene dem Gedicht und dem Gebet Raum. Beten und Dichten, Gebet und Gedicht sind für Dorothee Sölle keine Alternative. Das Christentum, sagt sie, setzt voraus, dass alle Menschen Dichter sind, nämlich beten können. In Ruprecht betet man Literatur, sagen die Leut'.

Hannes Hochmeister

aus: FRAGMENTE 18.Jahrgang /Nr.3/ Mai 2004

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