Eindrücke aus viereinhalb Jahren „Runde ohne Namen”
Das fünfte Jahr schon treffen einander Gemeindemitglieder von St.Ruprecht einmal im Monat am Sonntag Abend zu einer Erzähl- und Gesprächsrunde. Die Idee dazu ist auf der Gemeindewoche in Seggau im Sommer 1999 entstanden, als wir gemeinsam das Markus-Evangelium gelesen haben und beim anschließenden Gespräch darüber festgestellt haben, dass es doch schön wäre, einander auch während des Arbeitsjahres außerhalb des Gottesdienstes zu treffen - zum besseren Kennenlernen, um zu erfahren, was ihn oder sie bewegt und beschäftigt, was ihm oder ihr wichtig ist. Und so haben wir uns an einem Sonntag Abend im September das erste Mal in der Wohnung einer Familie getroffen. Als Thema haben wir das Enneagramm gewählt, die Typologie menschlicher Charaktere, wie sie der amerikanische Franziskaner Richard Rohr und der bayrisch-lutherische Pfarrer Andreas Ebert in ihrem Buch beschrieben haben. Es war spannend zu hören, wie bei jedem Treffen jemand anderer erzählt hat, welche typischen Charakterzüge, Stärken und Schwächen er/sie hat, uns darüber auszutauschen, wie wir damit umgehen und wie wir darauf reagieren, wenn andere uns mit den gleichen „Macken” begegnen.
Nach einem Jahr hatte sich das Thema Enneagramm für uns vorläufig erschöpft, die monatlichen Treffen wollten wir aber gern beibehalten und so musste ein neues Thema her: Die persönlichen Lebens- und Glaubensgeschichten haben wir einander im zweiten Jahr erzählt. Im Zuhören, aber auch in der Vorbereitung und im Erzählen habe ich mich an viele Bilder, Menschen, Situationen und Begegnungen erinnert, an die ich schon lange nicht mehr gedacht hatte, und die doch wesentlich Teil meiner Geschichte und meiner Entwicklung sind. Besonders gebannt habe nicht nur ich unserer ältesten Teilnehmerin zugehört, die an einem langen Abend Erlebnisse, Begegnungen und Zeitgeschichte aus vielen Jahrzehnten eines erfüllten Lebens erzählt hat.
Im dritten Jahr sind wir über den - gescheiterten - Versuch von Exerzitien im Alltag zum Thema Beten gekommen und haben einander unsere persönliche Art des Betens und Meditierens erzählt und auch gemeinsam praktiziert.
Die Lust am Lesen hat uns voriges Jahr spannende Diskussionen beschert - unter anderem über zwei Werke von Joseph Roth: „Hiob” und „Radetzkymarsch”.
Doch nicht nur geistige Nahrung gibt es an diesen Sonntag-Abenden, sondern jedes Mal auch einen kleinen Imbiss und ein Glas Wein, bei dem wir die oft sehr intensiven Erzähl-Abende ausklingen lassen.
Zwischen sechs und neun Frauen und Männer sind es, die sich nun schon das fünfte Jahr monatlich treffen (manche sind weggeblieben, neue dazugekommen) - und doch hat die Runde noch keinen richtigen Namen (die einen schreiben das Thema in den Kalender, ich notiere meistens den Namen der Gastgeber zum nächsten Termin). Vielleicht ist das aber auch gut so, denn damit bleibt diese Erzählrunde für vieles offen: für (Lebens)-Themen (heuer haben wir uns z.B. schon mit „Tod” oder „Vater- und Mutter-Wunden” beschäftigt) und immer neue Begegnungen mit mir selbst und mit Menschen, von denen ich manche am Anfang nur aus dem Gottesdienst „vom Sehen” gekannt habe und die über die Monate und Jahre mein Leben durch Ihr Erzählen bereichert haben.
Eveline Kalmusaus: FRAGMENTE 18.Jahrgang /Nr.2/ Februar 2004