In der Ruprechtskirche wird, in Zusammenarbeit mit dem Literarischen Forum, die ganze Fastenzeit hindurch täglich außer Samstag um 17:37h ein Kapitel aus dem Jeremia-Roman „Höret die Stimme” von Franz Werfel gelesen. Die Gottesdienste an den Samstagen sind ebenfalls dem Buch Jeremia gewidmet.
Franz Werfels Vita des Propheten gilt als beeindruckendste Bearbeitung des Prophetenstoffes im 20. Jahrhundert. In einer kurzen „Werkleere” fasst er 1936 intuitiv den Plan, über einen „Künder Gottes” zu schreiben. Jeremia oder Jirmijah, wie er bei Werfel heißt, eignet sich dafür am besten. Werfel ist in dieser Zeit des Ständestaates oder, wie jener Zeitabschnitt auch genannt wird, des Austrofaschismus so etwas wie ein Staatsdichter, höchst erfolgreich und bei den Mächtigen der Zeit beliebt. Die Familie Mahler-Werfel zählt Kanzler Schuschnigg zu ihren Freunden und erfreut sich bester Kontakte zu Kardinal Innitzer.
Werfel übt sich selbst mit diesem Roman als Mahner. Endlich, so seine Kritiker, habe er, der so lange zum Nationalsozialismus im benachbarten Deutschland geschwiegen hat, auch Stellung bezogen. Die weitreichende Auseinandersetzung und Kenntnis der jüdischen Geschichte prägen das große Werk, das jenen entgegentritt, die dem jüdischen Schriftsteller Werfel allzu große Nähe zum Christentum vorwerfen.
Der Titel, abgeleitet vom jüdischen Gebet „Schema Israel”, wird zum zeitgenössischen und zum überdauernden Appell. Welche Stimmen sind zu hören? Auf welche aus diesem Stimmengewirr, ist zu hören? Werfel nennt Jeremias Auditionen, die hörbaren Mitteilungen Gottes, „Raunungen”. Bei aller klaren Vernehmbarkeit, bleibt die Selbstmitteilung Gottes auch für den bemühten „Ausgesonderten” undeutlich. Und verlangt wiederholte Deutungsversuche. Ein Auftrag für die Fastenzeit, der Vorbereitungszeit auf Ostern.
Die Beginnzeit 17:37h ist der Rahmenhandlung entnommen. Der gemütsschwere und an Epilepsie leidende Autor Clayton Jeeves steht Mitte der 30-er Jahre auf dem Jerusalemer Tempelplatz. Er befürchtet einen in seiner Kraft noch nie erlittenen Anfall, spürt ihn aufkommen, blickt auf die Uhr und in einem visionären Ereignis, einem Déja-vu, offenbart sich ihm die Lebensgeschichte des Jeremia. Jeeves kommt 600 Seiten später wieder zu sich, immer noch auf sein Handgelenk starrend. Die Uhr zeigt 17:37h.
An einem markierten Ort, ein großes Textband ist geplant, wird zu einer markanten Zeit über einen heutzutage doch langen Zeitraum von einer kleinen Anzahl von Lesern diesem großen Roman, seinem Propheten und seinem Autor Stimme gegeben. Das Auditorium, das mit den Ohren, wird klein sein.
Hannes Hochmeister, Literarisches Forumaus: FRAGMENTE 18.Jahrgang /Nr.2/ Februar 2004