EIN SCHEINWERFERSTRAHL AUF DIE GEMEINSCHAFT SANT'EGIDIO

Zu Recht assoziieren den Namen der Gemeinschaft viele mit der italienischen Hauptstadt, genauer gesagt mit dem Stadtteil Trastevere: Ein - beinahe vergleichbar mit dem Wiener Bermudadreieck - quirliges Viertel Roms, das mit den vielen Trattorie, Musiklokalen, Straßenkünstlern,... Gästen sowie Einheimischen zur Unterhaltung dient.

Genau dort ist seit 1973 die christliche Laiengemeinschaft beheimatet. Nachdem ein Grüppchen von Schülern um den damals 17-jährigen Andrea Riccardi im 68-er Jahr begonnen hat, sich regelmäßig zum gemeinsamen Lesen des Evangeliums und zum Gebet zu treffen, verbunden mit konkretem Engagement für die Armen der Stadt, wurde das alte Karmeliterkloster mit der nach dem Heiligen Egidius benannten Kapelle zu deren zentralem Treffpunkt. Von dort erhielt die Gemeinschaft ihren Namen. Es dauerte nicht lange, bis auf diese Handvoll „betender und arbeitender” Jugendlicher ebenso manche Rombesucher aus dem Ausland aufmerksam wurden. Auch sie wollten sich dieselbe Frage stellen: Wie kann man als gewöhnliche Menschen, eingebunden in das tägliche Leben (durch Studium, Arbeit, Familie,...), das Wort Gottes konkret werden lassen?

Angezogen von dem Beispiel der jungen Leute in Trastevere, welche das Leben als Christen in erster Linie in der Freundschaft mit den Armen sichtbar werden lassen (zunächst Hilfe für die Familien in den Barackenvierteln in der Peripherie Roms, eine Mensa für die Obdachlosen, Unterstützung für einsame alte Menschen und Menschen mit Behinderungen,...) wollten sie dieses Bild auch in ihren Heimatstädten realisieren.

Nach und nach entstanden so in den anderen Städten Europas Gemeinschaften von Sant'Egidio - wie seit 1997 auch in Wien. Heute ist die Gemeinschaft in ca. 60 Ländern in allen Kontinenten präsent. Eine Mitgliederzahl zu nennen ist nicht leicht, da die Zugehörigkeit durch keine Einschreibung oder Versprechenablegung erfolgt. Schätzungsweise gibt es weltweit an die 40.000 Mitglieder, wovon sich ca. die Hälfte in Afrika befindet.

Je nach örtlicher Lebenssituation und dort bestehenden Nöten unterscheidet sich das Engagement der Gemeinschaft in den verschiedenen Ländern. Was aber alle vereint, ist das gemeinsame Abendgebet und die Arbeit für den Frieden. Ein offizieller Höhepunkt stellt diesbezüglich das Friedenstreffen dar, das - inspiriert vom ersten interreligiösen Friedensgebet mit Papst Johannes Paul II 1986 in Assisi - jedes Jahr an einem anderen Ort stattfindet. Heuer war das erstmals in Aachen.

Unsere Gemeinschaft in Wien zählt ungefähr ein Dutzend engere Mitglieder. Es freut uns, dass der Ort unseres Gebets seit diesem Frühjahr mehr ins Zentrum Wiens gerückt ist: An Samstagabenden versammeln wir uns um 20 Uhr zum Abendgebet, zu dem jeder herzlich willkommen ist, seit kurzer Zeit in der Ruprechtskirche. Den Schwerpunkt unserer Tätigkeit haben wir seit einigen Jahren auf die Freundschaft zu den älteren Menschen verlegt. Beim regelmäßigen Besuch älterer Frauen und Männer im Altenheim, die oft allein und ohne nahe Angehörige sind, entdecken wir die Schönheit einer zuneigungsvollen, familiären Beziehung (obwohl ohne Verwandtschaftsbindungen), welche das Eis der Traurigkeit, Isolation und Verzweiflung zum Schmelzen bringen kann. Dabei können wir den großen Wert eines - wenn auch körperlich vielleicht schwachen - älteren Menschen erkennen, der oft soviel zugeben bereit ist.

„Niemand ist zu klein oder schwach, dass er nicht einem anderen Armen helfen könnte!” - Wie die älteren Menschen lehren uns dies auf eindrückliche Weise auch die Schwestern und Brüder in Afrika. Sei es durch deren Engagement für die Straßenkinder, für die Gefangenen, für die Obdachlosen oder vor allem wie in Mozambique für die AIDS-Kranken, die dort seit einigen Jahren erfolgreich (einzigartig in dieser Art in Afrika) Unterstützung durch gezielte Therapie erfahren können.

Zusammen mit ihnen möchten wir an alle die Einladung ausrufen, den Traum für eine menschlichere, friedlichere Welt - entgegen allem Pessimismus, aller Resignation und Ohnmachtsgefühle - zu leben!

Vera Tiefenthaler

aus: FRAGMENTE 18.Jahrgang /Nr.1/ Dezember 2003

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