LASS DIE HÄNDE NICHT SINKEN!
ADVENT 1988 -ADVENT 2003

Juble, Tochter Zion!
Jauchze Israel!
Freu dich und frohlocke von ganzem Herzen,
Der Herr ist in deiner Mitte.
Du hast kein Unheil zu fürchten.
An jenem Tag
wird man Zu Jerusalem sagen:
Fürchte dich nicht, Zion!
Lass die Hände nicht sinken!

Zefanja 3,14-16

In meinen „Archiven” finde ich manchmal Erstaunliches, schon fast Vergessenes. Da sind etwa die Unterlagen für eine Literarische Vesper in St. Ruprecht am 14. Dezember 1988. Ja, so etwas hat es gegeben! Der Abend ist konzipiert und abgehalten worden in Zusammenarbeit mit dem Literarischen Forum. Die damalige Leiterin war Dr. Erika Schuster. Ich erinnere mich noch, wie schön sie vorgesungen hat Und wie kalt es in der Kirche gewesen ist!

Meine Erinnerungen umfassen jedoch mehr. Ich hatte im Literarischen Forum - damals noch am Stephansplatz - zu tun. Joop Roeland und Erika Schuster sind beisammen gesessen, sichtbar in ein Gespräch vertieft. Was ich nicht wusste: Sie haben die Literarische Vesper vorbereitet. Mit einem kurzen Gruß bin ich vorbeigegangen. Doch die Stimme von Erika Schuster hat mich eingeholt „Liesl, willst nicht predigen?” In meinem Schrecken hab ich gestammelt „Das hab ich noch nie getan! Das kann ich nicht.” Dann ein kurzes Atemholen. In meinem Kopf ist blitzartig eine ganze Gedankenkette abgelaufen: Wieder einmal typisch, da jammern die Frauen, was sie alles nicht „dürfen”, dann wird eine Frau aufgefordert, an einen sonst männlich besetzten Platz zu treten, und was tut sie? Sie traut sich nicht. Sie sagt nein. Also noch einmal durchatmen. „Ich probiers halt.” Und so hat es begonnen...

Der „Predigt”-Text war schon vorgegeben. Es war die Stelle aus dem Buch des Propheten Zefanja. Und auch die Überschrift der Veranstaltung: „...du hast kein Unheil mehr zu fürchten”. Also war auch klar, was der Schwerpunkt meiner Überlegungen sein sollte.

Es war sehr schwierig. Ich hatte die praktischen Beispiele, vor allem die der Predigten von Joop Roeland - aber sonst? Niemand hat mir etwas gesagt; aber vermutlich hab ich auch nicht gefragt. Ich hab halt drauflosgeschrieben (und dann geredet) - und so schaut das aus heutiger Perspektive auch aus. Ein ziemliches Durcheinander, eine Folge von unterschiedlichen, wenn auch nicht ganz unlogischen Gedanken - aber doch einfach zu Vieles. Deutlich ist zu merken, was mich am meisten berührt hat. Nämlich nicht die Zeile „... du hast kein Unheil mehr zu fürchten.” Offenbar hab ich dieser Zusage doch nicht so ganz getraut. Am wichtigsten war mir die Aufforderung: „Lass die Hände nicht sinken!” Und was mir dazu eingefallen ist, das „hält” auch heute noch. Ich fasse es, teilweise etwas abgeändert, zusammen. Dazu kommen einige Reflexionen aus heutiger Sicht.

Die Hände sinken lassen - das ist zunächst ein Ausdruck für Mutlosigkeit, für Resignation. Vielleicht auch für Trägheit: die Hände in den Schoß legen. Die Hände heben, das kann bedeuten: Gott anzurufen - ihn zu bitten, ihn zu loben. Ich denke, David hatte die Hände erhoben, als er vor der Bundeslade tanzte. Dann gibt es eine Geschichte von Moses. Die Israeliten kämpften mit einem feindlichen Trupp. Moses hatte während dessen die Hände erhoben. Man musste sie ihm stützen, als er müde wurde. Denn wenn der die Hände sinken ließ, wurde der Feind übermächtig. Ich will diese Stelle nicht als Kriegsberichterstattung lesen. Ich nehme sie als Bild dafür, wie wichtig Beharrlichkeit ist. Und dass wir einander stützen müssen, wenn die Müdigkeit überhand nimmt.

Heute fällt mir auf: Das war 1988. 1986, zwei Jahre davor, war die Katastrophe von Tschernobyl. Kurz danach hatte ich mit einigen Frauen eine wöchentliche „Mahnwache” (ist das Wort unmodern geworden?) auf dem Stephansplatz ins Leben gerufen. Beim Halten der Transparente war der Wunsch oft groß, die Hände sinken zu lassen. Vermutlich vor diesem aktuellen Hintergrund sind meine Gedanken damals weitergegangen zu der Frage: Welche Welt hinterlässt meine Generation den Kindern und Enkeln? Wie kann ein neuer Umgang mit der Erde und ihren Ressourcen gelernt werden? Was ist schon alles versäumt worden - was ist jetzt zu tun? In diesem Zusammenhang hab ich die Aufforderung „Lass die Hände nicht sinken!” gelesen: Hör nicht auf- oder fang endlich an, das zu tun, was in deiner Möglichkeit liegt.

In der christlichen Ikonographie des Mittelalters wird Zefanja dargestellt als der Prophet mit der Laterne in den Straßen Jerusalems. Er hat im siebten Jahrhundert vor Chr. gelebt. Sein Wort kommt aus einer dunklen Zeit zu uns, in den Advent des Jahres 1988, in den Advent 2003. Welche Prophetinnen und Propheten sind heute unterwegs auf unseren gut beleuchteten Straßen? Wer kennt sie? Wer hört sie? Wer versteht ihre Worte? 1988 sind meine Überlegungen am Ende zu Dorothee Solle gegangen. Sie hat ihr Leben lang beharrt auf dem „doppelten Gebrauch” der Hände, auf der Verbindung von Spiritualität und Politik. Ihr Beispiel begleitet mich weiter, über ihren Tod hinaus. Sie ermutigt mich und bestimmt auch viele andere Menschen, die Hände nicht sinken zu lassen.

Elisabeth Hellmich

aus: FRAGMENTE 18.Jahrgang /Nr.1/ Dezember 2003

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