Vermessung der Traurigkeit

„Hageveld” war einmal ein berühmtes niederländisches Knabenseminar in der Nähe von Haarlem. Als in den sechziger Jahren des vorigen Jährhunderts die Neigung niederländischer Knaben Priester zu werden rapid abnahm, ja fast gänzlich verschwand, zerbrach man sich den Kopf über eine neue Bestimmung für das große, schöne Haus. Ältere Geistliche, pensionierte aus der Diözese Haarlem genossen dort einen freundlichen Ruhestand, bis man einen Projektentwickler zu Rate zog.

Der Projektentwickler musste sich nicht nur ein phantasievolles, sondern auch ein finanziell ertragreiches Projekt einfallen lassen. Denn das ist die Aufgabe eines Projektentwicklers. Man erwartet etwas Handfestes für die Kasse. So entstand die Idee eines Nobelaltersheimes für finanzkräftige Leute. Die dort wohnenden alten Geistlichen gehörten natürlich nicht dazu. Sie zogen aus und fanden andere Orte. Der Projektentwickler war allerdings kein einseitiger, nur finanziell interessierter Mensch. Er hatte auch für die Phantasie etwas übrig und so ließ er eine gewisse Zeit in dem ehemaligen Knabenseminar Leute wohnen, die ihm über Möglichkeiten und Defizite des Wohnens dort berichten sollten.

Das ehemalige Bischofszimmer bezog eine Künstlerin. Sie sollte dort auf kreative Gedanken kommen. Kunst sollte sie dort schaffen. Das Bischofszimmer war ein weitläufiger Raum mit einer eigenen Hauptstiege, die in früheren, katholischen Zeiten nur vom Bischof benützt werden durfte: ein Gebot, an das die Künstlerin sich wahrscheinlich nicht immer gehalten hat. Nach einer gewissen Zeit fand eine Ausstellung jener Werke statt, die die Künstlerin im Bischofszimmer schuf. Leider war die Ernte ihres kreativen Verweilens im Bischofszimmer ein wenig enttäuschend: ein Vorwurf der in der Kirchengeschichte manchmal erhoben wird. Die Ausstellung war in jeder Hinsicht sehr mager. Mit einer Ausnahme: das waren die aus Stoffgefalteten Andeutungen zweier Beduinenfrauen, Wüstenfrauen: ganz verlassen nach Wüstenart, in einem leeren Gang des Seminars herumstehend.

Es waren fast lebensgroße Gestalten. Fast, nicht ganz. Denn so erklärte die Künstlerin: Menschen tragen soviel Kummer an sich, so viel Enttäuschung, so viele Sorgen. Sie tragen so viel Leid in sich, das weinen Wenn man nun Menschen etwas kleiner macht, wird auch das Leid etwas kleiner. Sie müssen weniger weinen.

Tatsächlich, das sind Überlegungen die Hoffnung aufblühen lassen. Diese Ferien musste ich einen neuen Pass machen lassen. Es stellte sich heraus, dass ich statt 1.75 Meter auf 1.74 geschrumpft bin. 1 cm ist nicht viel, aber dennoch ist es 1 cm weniger Depression, 1 cm Hoffnung.

Joop Roeland

aus: FRAGMENTE 17.Jahrgang /Nr.4/ September 2003

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