Leider gibt es kein absolutes Datum für Planung oder Entstehungszeit dieses Gotteshauses, aber schon im Frühmittelalter einen Anhaltspunkt für den so typischen Zusammenhang von Kultort und Marktplatz. Soweit die Bodenuntersuchungen auf der Baustelle ergeben haben, reichten die römischen Gebäudemauern an den untersuchten Stellen bis 4m an die Kirche heran und hätten keinen Platz für das notwendige römische Intervallum an der Innenseite der Lagermauer gelassen, was ausschließt, dass sie einst auf der römischen Lagermauer errichtet worden wäre. Auch die Beobachtung des Aushubs der Kanalgräben um die Kirche haben 1972 keinen Anhaltspunkt für die Lagermauer oder deren Ausriss gegeben. Die Astronomin M. Firneis hat auf Ersuchen der Verfasserin die Orientierung der Kirche in ihre Forschungen einbezogen, weil man für alte Kirchen oft annehmen kann, dass ihr Ostpunkt dort festgelegt ist, wo am Namenstag des künftigen Kirchenheiligen die Sonne aufgeht.
Ruprecht, der erste Bischof von Salzburg und Patron des Salzes, wird am 27. März, seinem Todestag (Geburtstag im Himmel), gefeiert und ebenfalls am 24. September, dem Tag seiner Bestattung im Salzburger Dom (sog. Herbstruperti), was einer damals noch nicht üblichen Heiligsprechung gleichkam. Eine ihm geweihte Kirche müsste also streng nach dem astronomischen Osten ausgerichtet sein. Die Achse der romanischen Kirche weicht aber vom Osten um 30 Grad nach Süden ab. Wie die Orientierung der römischen Mauern vor der Kirche ergab, hat sich der Bau nach dem römischen Rastersystem der umliegenden Bauten gerichtet, was auch ein Fingerzeig für sein frühes Enstehen sein wird.
Das Gotteshaus gilt mit Recht als die älteste Kirche Wiens. R. Perger begründete ausführlich, dass eine Entstehungszeit zwischen 791/803 ( also nach den Awarenkriegen Karls des Großen) und vor 828/29, der Zeit der Neuzuweisung der Mission im einstigen Oberpannonien von Salzburg an Passau, anzunehmen ist. Danach wäre sicher St. Stephan als Patrozinium gewählt worden. Die erste Nennung St. Ruprechts erfolgte nach R. Perger um 1200 als eine der Kapellen, die in den vergangenen vierzig Jahren dem Schottenstift geschenkt worden waren.
Jans Enikel überliefert in seinem „Fürstenbuch” um 1280, sie werde „die alte Pfarr” genannt. Durch ihre Lage auf dem Kienmarkt ist sie als Marktkirche anzusprechen. Früher haben Handelsabschlüsse oft in Kirchen stattgefunden, doch wurde das später verboten und es durfte nur in porticu verhandelt werden. Wenn man die Höhenschichtlinien im Historischen Atlas von Wien zu Rate zieht, liegen Maria am Gestade am Anfang und St. Ruprecht am Ende der Stadtterrasse mit Ausblick auf die Donau und das jenseitige Ufer.
Über einen Friedhof um St. Ruprecht, den es als Pfarrkirche besessen haben müsste, meint Perger, dass ihm seit 1269 kein Begräbnisrecht mehr zugestanden wurde und der Friedhof öffentlicher Grund geworden ist. Als topographische Bezeichnung ist der Name „Ruprechtsfreithof” noch bis 1347 nachweisbar. Bei den südlich des Gotteshauses durchgeführten Bodenuntersuchungen ist keine Spur von Gräbern gefunden worden, keine Grabgrube, kein Skelettrest, der bei Exhumierungen zurückbleiben würde. Es ist unklar, wann (vor 1268) und aus welchem Grund das Gelände um St. Ruprecht abgegraben wurde. Ein St.-Ruprechts-Karner ist bei St. Stephan mitten im Friedhof bekannt. Die früher möglicherweise als römerzeitlich angesehene Gruft unter dem Chorraum konnte 1974 freundlicherweise für eine kurze Untersuchung geöffnet werden. Dabei hat die Verfasserin mit Fachkollegen festgestellt, dass die Wände der Gruft wohl viel römisches Baumaterial enthalten, das beim Aushub des Erdreichs hier angetroffen und sofort weiterverwendet worden ist. Eine Anzahl barocker, bemalter Holzsärge bezeugt eine Zeit der Belegung. Die Gruft ist erst nach der Erbauung der Kirche angelegt worden und kann daher nicht Teil eines römischen Heiligtums bei einem eventuellen Lagerabgang zur Donau gewesen sein.
Es ist ein alter Brauch, dass der Altar eines christlichen Gotteshauses im Osten liegt, zur aufgehenden Sonne gerichtet: Aus dem finsteren, kalten Norden wird der Säugling zur Taufe hereingetragen, aus dem warmen Süden schreitet das Brautpaar zur Hochzeit und die Toten werden zur untergehenden Sonne aus der Gemeinschaft herausgetragen. St. Ruprecht hat vom Anfang an nur im Süden ein Tor besessen. Es fällt auf, dass die Judengasse genau dorthin leicht gerundet geführt wird und dass bis zum Abbruch 1970 sogar ein öffentlicher Durchgang zwischen den Häusern Ruprechtsplatz 4 und 5 geführt hat; er wurde erst beim folgenden Neubau verbaut. Ziel der Judengasse war also die Kirche, die Straße scheint aus dem Osten herzukommen, wo später die sog. „Bäckerstraßenvorstadt” im Wachsen war.
Herta Ladenbauer-Orel
Wiener Geschichtsblätter, Beiheft 2/1999
aus: FRAGMENTE 14. JAHRGANG / Nr. 2 / FEBRUAR 2000