VOR 1250 JAHREN

Auf dem mittleren - romanischen - Fenster hinter dem Altar der Ruprechtskirche ist eine lateinische Inschrift zu sehen. Ursprünglich waren diese Worte am Rippengewölbe des Presbyteriums zu lesen; vor einigen Jahrzehnten ist jedoch die Schrift von der Mauer abgefallen. Die Übersetzung lautet: Dieses Heiligtum erbauten dem Heiligen Rupert im Jahr 740 die Heiligen Cunald und Gisalrich, die als Glaubensboten für die Bekehrung der Awaren bestimmt waren.

Sicher wurde damals nur ein kleines Gotteshaus erbaut - an diesem Platz über dem Steilufer der Donau, der auch im römischen Vindobona von Bedeutung gewesen sein muss. Möglicherweise war hier schon vorher ein älteres - heidnisches - Heiligtum; die Ausrichtung der Kirche, die von Osten abweicht, gibt einen Hinweis darauf, dass man sich an römischen Mauerresten orientiert hat.

Wenn wir nun ein „Jubeljahr” lang feiern werden, dass unsere Kirche 1250 Jahre alt ist: an welche Zeit müssen wir dabei zurückdenken? Was ist damals, um das Jahr 740, vorgegangen in der „großen Welt”? welche Daten aus der Geschichte lassen sich mit dem Ursprung von St. Ruprecht verbinden?

Im Westen - in den Gebieten des heutigen Frankreich - herrschte Karl Martell der Stammvater der Karolinger: Unter seiner Regierung waren im Jahr 732 die von Süden eindringenden Araber in der Schlacht von Tours und Poitiers besiegt worden. 741 ist das Todesjahr von Karl Martell; etwa zur gleichen Zeit - vielleicht 742 - ist sein Enkel Karl, später „der Große” genannt, zur Welt gekommen. Der Nachfolger Karl Martells, Pippin, hatte dem Papst Hilfe gegen die Langobarden geleistet; nach zwei erfolgreichen Feldzügen (754, 756) schenkte Pippin dem Papst von den Langobarden erobertes Gebiet. Diese „Pippinsche Schenkung” begründete den Kirchenstaat.

Es war eine Zeit, in der die Klöster zu blühenden Kulturzentren geworden waren; seit 754 war im Frankenreich die Benediktinerregel verpflichtend. Und bei den Germanen wirkte der Heilige Bonifatius, der "Apostel der Deutschen" genannt. Er hatte 739 das Bistum Salzburg errichtet, 754 starb er als Märtyrer.

Nach dem Ende des Weströmischen Reiches hatte Vindobona seine Bedeutung verloren. (Erst mit dem Aufstieg der Babenberger gewann Wien wieder an Wichtigkeit. ) Auf dem Boden des alten Römerlagers wohnten vermutlich in einem unregelmäßigen Haufendorf Reste der Einwohner der römischen Zivilstadt und Zuwanderer aus der Umgebung. In vielen Wellen waren die Wirren der Völkerwanderung über diesen Platz an der Donau hinweggegangen. Im 5./6. Jahrhundert gab es die Langobarden hier, die das Gebiet vertraglich den nachdrängenden Awaren überliefen. Ihnen folgten die Slawen, die eine Niederlage der Awaren ausnützten und um 600 bis an die Donau vorgedrungen waren. Ein gebürtiger Franke namens Samo hatte ein großes slawisches Reicherrichtet, das bis weit in den Balkanraum gereicht hat. Wie für manche andere Entwicklungen war auch dafür der Handel auf der Donau bestimmend. Nach dem Tod Samos ging das Slawenreich bald zugrunde. Die nächsten Eindringlinge warfen wieder die Awaren. Diese turk-tatarische Volk war um 700 durch die Wiener Pforte nach Westen gezogen. Ein Awarenring findet sich z.B. noch heute bei Hadersdorf-Weidlingau. Erst später - unter Karl dem Großen und seinem Nachfolger - wurden die Awaren zurückgedrängt (und verschwanden dann aus der Geschichte). Die Karolingische Ostmark wurde nun errichtet und der Raum Wien in die weltliche und kirchliche Ordnung des Karolingerreiches einbezogen.

Kirchen waren immer Kristallisationspunkte; Marktplatze, Wohnhäuser, Befestigungen sind so auch um St. Ruprechterrichtet worden. Eine Reihe von "Höfen", deren bekanntester der Berghof gewesen ist, hat möglicherweise mehrere dieser Funktionen gleichzeitig erfüllt. Darüber - und über die Bedeutung des Salzhandels - ist einiges bekannt und belegt. Doch was wissen wir sonst?

Es sind einige Jahrhunderte, über die es für Wien und damit für St. Ruprecht nur wenige gesicherte Angaben gibt. Wer hätte auch damals z.B. schriftliche Zeugnisse hinterlassen können? Die allgemeine Geschichtsschreibung übeliefert Daten von Schlachten und Friedensschlüssen, Lebens- und Regierungszeiten von Königen und Päpsten, eventuell noch von Heiraten der „High Society”. Keine Auskünfte gibt sie aber darüber, wie die Menschen damals gelebt haben, in 'dieser Zeit der wechselnden Besatzungsmächte und vielfachen Nöte. Wie haben sie sich geschützt, wie für Nahrung gesorgt, wie haben sie sich mit den jeweils Herrschenden arrangiert? „Geschichte von unten” hat sich mit dieser „dunklen Zeit” bisher höchstens in dem Sinn beschäftigt, als das meiste Wissen darüber von Ausgrabungen stammt. Der Rest bleibt unserer Phantasie überlassen - und zukünftigen Forschungen.

Elisabeth Hellmich

Literatur:

aus: FRAGMENTE 4.Jahrgang / Nr.4 / im Herbst 1990

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