LIEBEN UND ARBEITEN

Gedanken über Dorothee Sölle und ihr Buch „lieben und arbeiten - eine Theologie der Schöpfung”

„In Gottes Bild geschaffen sein bedeutet, dass wir arbeiten und lieben können. Ganz bewusst versuche ich eine Theologie der Schöpfung zu entwerfen, die vom erwachsenen Menschen ausgeht und den Lebensabschnitt durchdenkt, innerhalb dessen Energie, Aktivität und schöpferische Kraft des Menschen blühen”. So Dorothee Sölle auf Seite 153 ihres 1985 im Kreuz-Verlag erschienenen Buches.

Zunächst war das für mich nur ein Name: Dorothee Sölle. Immer wieder einmal bin ich ihm begegnet, doch lebendig wurde er erst vor rund drei Jahren für mich. Damals habe ich dieses Buch, aus dem das obige Zitat stammt, zum erstenmal gelesen. Und seither hat es mich nicht mehr losgelassen.

Dorothee Sölle wurde 1929 in Köln geboren. Sie studierte Germanistik, Philosophie und Theologie. In Deutschland hat die in der Friedensbewegung engagierte evangelische Christin nie einen Lehrstuhl bekommen, in den USA wurde sie 1975 Professorin für Systematische Theologie. 1969 hat sie in Köln das Modell der „Politischen Nachtgebete” ins Leben gerufen - eine Form der Besinnung auf drängende Probleme, die zum Handeln führen soll. Erfahrungen, die sie in den USA gemacht hat, haben wesentlich dazu beigetragen, dass sie sich mit der Stellung der Frau und mit feministischer Theologie beschäftigt hat. Außer theologischen Schriften - in einem weiten Sinn verstanden - hat Dorothee Sölle auch eine Reihe von Gedichtbänden herausgebracht. Ihre Lyrik, in Form und Sprache sehr unkonventionell, behandelt neben persönlichen Themen auch solche mit gesellschaftspolitischem und religiösem Anspruch; vor allem aber kann sie diese Bereiche, die sonst meist getrennt bleiben, in ihrem Schreiben (und Leben) vereinen.

In „lieben und arbeiten” teilt die Autorin zunächst die Anstöße mit, die zur Entstehung des Buches geführt haben; ganz wesentlich war dabei der 1982 veröffentlichte Entschluss der USA, die Militärstrategie von der atomaren Abschreckung zur Planung eines „gewinnbaren”, begrenzten Atomkrieges zu ändern. Solle gibt als ihre Motive Angst und ein verändertes theologisches Bewusstsein an. Der erste Teil des Buches betrachtet die Schöpfungsgeschichte vom Exodus-Bericht her. Die folgenden Kapitel analysieren die Umstände unter denen die meisten Menschen ihre Arbeit verrichten (müssen). Sölles Vision geht dahin, Veränderungen in Gang zu setzen, die der Arbeit und dem arbeitenden Menschen die Würde zurückgeben und Versöhnung mit der Natur ermöglichen. In gleicher Weise setzt sie sich mit grundlegenden Fragen menschlicher Beziehungen auseinander, mit Liebe, Sexualität, mit Eros und Agape. Vier Dimensionen der Liebe sind es, die dem Menschen entsprechen: Vertrauen und Ekstase, Ganzheit und Solidarität. Vier Dimensionen von „Leben in Fülle”.

Mich fasziniert der Ansatz von Dorothee Sölles Überlegungen: Sie befragt die jüdisch-christliche Überlieferung von Schöpfung und Befreiung, das Gottes- und Menschenbild, das Verständnis von Arbeit und Sexualität einmal ganz neu, lässt es mich wie mit „neuen Augen” anschauen. Viel Einengendes wird dabei in Frage gestellt: die fluchbeladene Darstellung von Arbeit und Fortpflanzung in der Verkündigung, die einseitige (negative) Sicht dessen, was mit Sündenfall und Paradies-Vertreibung ausgesagt ist. Dem ist eine neue, ermutigende Sicht des Menschen und seiner Möglichkeiten als Gottes Ebenbild gegenüber gestellt. Doch es geht der Autorin nicht um theologische Spekulation: Weil sie Angst hat um die Welt, um die Menschen heute, sucht sie neue Wege, die Veränderungen im Denken, im Bewusstsein und dann - hoffentlich - auch im (politischen) Handeln ermöglichen.

Mir fällt zu all dem das Wort „Umkehr” ein - Bekehrung auch. Wenn ich umkehre, eine andere Richtung einschlage, dann kann ich Altbekanntes von einer anderen Seite anschauen, sehe es neu, nicht verstellt durch den gewöhnten Anblick. Dies - und der Mut zu sehr radikalen Fragestellungen und Antworten auf dem festen Grund einer unbeirrbaren Hoffnung - ermutigt mich, fordert mich heraus in einer, wie mir scheint, zutiefst christlichen Weise.

Schon damals, vor drei Jahren, habe ich mir gewünscht, das Buch mit anderen Menschen gemeinsam zu lesen, darüber zu sprechen. Seit kurzem hat sich dieser Wunsch erfüllt, in einer Gruppe, die sich im Gemeindezentrum St. Ruprecht zusammensetzt (und bei der man jederzeit einsteigen kann). Ich hoffe, wir lassen uns gemeinsam treffen von der Frage: Wo bist du - wo ist dein Bruder, deine Schwester? Und vielleicht wagen wir doch auch eine Antwort in dem Bewusstsein: wir sind Hüter - oder sollen es werden - Hüter unserer Geschwister und der Umwelt, der Welt.

Elisabeth Hellmich

aus: FRAGMENTE 3.Jahrgang / Nr.3 / Pfingsten 1989

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