Unser Aufruf an Augenzeugen über die Ereignisse von 1938 bis 1945 im Zusammenhang mit der Ruprechtskirche zu berichten, war von Erfolg gekrönt. Diesmal kommt Primarius Univ. Doz. Dr. Herbert Sighart zu Wort.
„Ich kam als Medizinstudent in Uniform am 1. Jänner 1940 auf ain Trimester nach Wien. Ich bin ein gebürtiger Oberösterreicher und hatte daher einige Zeit notwendig, um die Wiener Verhältnisse kennen zu lernen. In diesen drei Monaten habe ich die Katholische Hochschulseelsorge, wie sie offiziell geheißen hat, nicht kennen gelernt. Aber durch eine Fügung Gottes konnte ich mein Studium im Sommersemester 1941 wieder fortsetzen und kam so im Herbst 1941 zufälligerweise zu einer Einladung zu Predigten von Otto Mauer nach St. Peter und dabei lernte ich die Hochschulseelsorge unter Karl Strobl kennen. (Anmerkung der Redaktion: die Kirche St. Peter war damals die Heimstätte der Studentenseelsorge).... Von diesem Augenblick an war ich Mitglied der Katholischen Hochschulsselsorge und erlebte wöchentlich mindestens einmal wenn nicht zweimal dis gemeinsame Eucharistiefeier mit meinem unvergeßlichen Freund Dr. Karl Strobl, der damals liebevoll nur Charly genannt wurde. Wir waren hier eine sehr bunte Gesellschaft von Mädchen, die nicht einrücken mußten, und vor allem von Medizinstudenten. Wir hatten mit unserem Seelsorger einen wohl einmaligen Freund und Lehrer.... Strobl hatte lediglich immer Angst, daß wir unsere Form des Zusammenlebens so betreiben würden, daß er zum Schluß mit seiner ganzen Hochschulseelsorge bei der Gestapo landen würde.......
Sicherlich eines der bedeutendsten Ereignisse, rein äußerlich gesehen, war für die Ruprechtskirche der Bombenangriff am 12. 3. 1945, den ich mit vielen anderen der katholischen Hochschulseelsorge in den Katakomben des Churhauses überlebte. Damals wurde ja sehr viel zerstört. Die Innenstadt brannte, die Oper war ausgebrannt. Wir gingen damals eine kleine Gruppe nach St. Ruprecht um nachzuschauen und sahen voller Entsetzen, daß das Dach keine Ziegel mehr hatte.
Trotzdem feierten wir wenige Tage später dort wiederum die Hl. Messe, wobei aber in die rückwärtige Seitenkapelle ununterbrochen die Leichen aus einem Luftschutzkeller, der durch eine Bombe zerstört worden war, gebracht wurden. Ungefähr 35 bis 40 Tote wurden übereinander geschlichtet in der Seitenkapelle gelagert. Mit meinem Freund dem späteren Hofrat Dr. Seliger, Facharzt für Frauenheilkunde, waren wir aber dennoch guten Mutes. Es lagen viele Rollbalken herum und wir begannen ein sicherlich sehr stümperhaftes Werk, wir versuchten das Dach provisorisch mittels der kaputten Rollbalken zu decken. An diese Arbeit kann ich mich noch gut erinnern. Strobl kam dann dazu und stellte sich mit uns an die Rampe, die auf den Morzinplatz hinunterschaut wo noch das Hotel Metropol, das Hauptquartier der Gestapo, stand. An diesem Tag war eine Bombe so abgeworfen worden, daß sie im Hof des Hotels explodiert war. Von außen sah es völlig unversehrt aus. Wenn man aber näher hinschaute, sah man, daß das ganze Hotel Metropol nur mehr in den Außenmauern stand. Ich kann mich noch gut erinnern, wie Strobl damals sagte, eine heimtückische Bombe. Und dann kam ich von Wien weg und kam nach St. Ruprecht erst im Herbst 1945 wieder, als ich mein Studium beendet habe. St. Ruprecht wird mir und allen, die damals dabei gewesen sind, eine lebenslange Heimat darstellen, auch dann, wenn ich sie in der letzten Zeit nicht mehr besucht habe....”
aus: FRAGMENTE 2.Jahrgang /Nr.3 / Pfingsten 1988