Die Ruprechtsgemeinde im Schatten der Ereignisse von 1938 bis 1945, dargestellt nach der Chronik der Ruprechtskirche. Als Quelle für diesen Bericht diente ausschließlich die Chronik. Hintergrundinformationen konnten keine recherchiert werden. Etwaige Augenzeugen werden gebeten der Redaktion der FRAGMENTE ihre damaligen Wahrnehmungen zu berichten.
„...die Tage der Vereinigung Österreichs mit dem großen Reiche sind geschichtlich so groß, dass die Gegenwart sie kaum recht zu würdigen imstande ist... ” Dieser eine und die wenigen anderen Sätze in der nur 16 Zeilen umfassenden Chronikeintragung zum Jahr 1938 sind es, die den Leser 50 Jahre danach nicht nur irritieren, sondern sogar schockieren. Doch vielleicht lasst die letzte Zeile trotz manch anderer Deutungsmöglichkeit ein schwaches Aufbäumen vor der Unterdrückung erahnen, wenn da zu lesen ist: „...ohne seine Gnade (Gottes - Anm. d. Verf.) und Hilfe bliebe alles menschliche Vollbringen doch nur Stückwerk”.
Erst nach diesem Absatz erfährt der Leser wie sehr die Ruprechtsgemeinde schon seit der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1938 gelitten hat, dass die Chronik in den Jahren 1939 bis 1945 nicht weitergeführt, sondern Ereignisse in der Ruprechtsgemeinde während dieser Zeit erst nach Kriegsende aufgeschrieben wurden:
Spitzel der Gestapo beobachteten bereits 1938 die Gottesdienste; die seelsorgliche Arbeit und die Wallfahrten nach Mariazell waren unter diesen Umständen erschwert; die Generalversammlungen des Mariazeller-Vereines konnten nur noch in Form von geistlichen Andachten in der Kirche gehalten werden. Der Kirchenrektor Prälat Jakob Fried, von der Gestapo seit längerer Zeit beobachtet (welcher konkrete Anhaltspunkt den Verdacht der, Gestapo auf ihn gelenkt hatte, geht aus der Chronik nicht hervor), musste Verhöre vor Parteibehörden und Verwaltungsstellen der Nazis ertragen, sah sich Hausdurchsuchungen in der eigenen Wohnung und in der Zentralkanzlei des Katholischen Volksbundes ausgesetzt und wurde bereits am 21. November 1939 von der Gestapo am Morzinplatz in Haft genommen. Die gegen ihn erhobenen Anschuldigungen lauteten: Hochverrat und Verletzung der Anzeigepflicht. Viereinhalb Jahre lang musste Prälat Fried in verschiedenen Gefängnissen verbringen und ist während dieser Zeit nur knapp einem Transport nach Dachau mit dem Auftrag „ihn innerhalb einer Woche aus dem Leben zu schaffen” entgangen. Den Freunden Frieds gelang es jedoch, ihn „mit Hilfe eines gutgesinnten höheren Gestapobeamten” freizubekommen. Nach einem kurzen geheimgehaltenen Aufenthalt in Nordböhmen wirkte er ab September 1944 wieder in Wien - als „Unterseeboot” und erlebte so am 10. April 1945 die Befreiung der Inneren Stadt, die zu dieser Zeit nur noch ein Trümmerhaufen war, von den Nazis.
Diese Schilderungen stellen wahrlich einen markanten Kontrast zu denen über das Jahr 1938 her. Waren die lobhudelnden Worte zum Anschluss vielleicht aus Angst vor dem Wachwerk der Nazis, vor ihrem „Stückwerk” geschrieben worden? Nun offenbarte sich dieses „Stückwerk” in sich zusammengestürzt, und seine Trümmer waren die gefesselte Freiheit, die mit Füßen getretene Menschlichkeit und die an Millionen Mitmenschen, vor allem jüdischen, begangenen Verbrechen.
Weiterlesend erfahren wir, dass die Ruprechtsgemeinde nach der Verhaftung von Prälat Fried von den Redemptoristen von Maria am Gestade betreut wurde. Auch der Studentenseelsorger Dr. Karl Strobl (dem die „Freunde der Katholischen Hochschulgemeinde” als dem Gründer der Katholischen Hochschulgemeinde Wien vor kurzem in einem Festakt gedachten) feierte hier oft Gottesdienste und Andachten mit den von ihm betreuten Studenten.
Sogar die Feier des 1200 jährigen Bestehens von St. Ruprecht konnte in Form von Messen, Festpredigten und Andachten vom 21. bis 29. September 1940 begangen werden. Am Tag des Hl. Rupertus (24. September) hielt Kardinal Dr. Theodor Innitzer selbst das Pontifikalamt. Eine Gedenktafel, die freilich erst 1946 vom wiedereingesetzten Kirchenrektor Fried vor dem Presbyterium angebracht werden konnte, erinnert heute an dieses Jubiläum (derzeit befindet sich diese Tafel beim hinteren Kircheneingang).
Die ersten Tage des April 1945 ließen diese kleine Kirche Tod und Vernichtung, wie das Dritte Reich sie überall hin gebracht hatte, hautnah erleben: Erstens den Tod vieler Menschen, den die Kämpfe zwischen russischen und „deutschen” Truppen forderten. Dutzende Tote brachte man in die Kirche, ehe man sie erst Tage später beerdigen konnte. Zweitens hatte materielle Vernichtung die Kirche heimgesucht. Eine Granate hatte das Deckengewölbe im Presbyterium eingeschlagen, Kirchen- und Turmdach waren beinahe ganz zerstört worden, Fenster zerschlagen, Außenmauern hatten Einschüsse erlitten und Paramente waren teilweise entwendet worden. So also stellte sich das Bild der Ruprechtskirche in der Karwoche des Jahres 1945 dar. Die Verwüstungen an und in der Kirche hatten auch das Gebet in diesem Gotteshaus verstummen lassen. Weder die Karwoche noch das Osterfest konnten aufgrund der gegebenen Umstände gefeiert werden. Erst nach wenigen Wochen war es möglich, die Kirche zu reinigen, und die Feier der Gottesdienste konnte wieder aufgenommen werden.
Im Juni 1945 hatte auch Prälat Fried die Seelsorge von St. Ruprecht wieder übernommen. Viel Einsatz galt nun auch dem Wiederaufbau des Gotteshauses. Geldspenden waren zwar gesammelt, doch die Materialbeschaffung zur Wiederinstandsetzung stellte das größere unter allen Problemen dar. Wesentliche Restaurierungsarbeiten konnten im Jahr 1945 nicht mehr durchgeführt werden. Es sollte noch bis zum Sommer 1946 dauern, ehe das Gotteshaus wieder soweit hergestellt war, dass hl. Messen und Andachten ohne witterungsbedingte Behinderungen gehalten werden konnten.
Waltraud Knöblaus: FRAGMENTE 2.Jahrgang / Nr.2 / Fasten-Ostern 1988