Nachklang zum Gemeindetag am 18. Mai
Wenn die Gemeinde St. Ruprecht die Gestalt eines Baums hätte, wäre sie Sommerlinde, Spitzahorn, Faulbaum, Trauerweide...? So wurde die Frage an diesem - von Eveline Kalmus und Otto Friedrich ansprechend gestalteten - Gemeindetag zwar nicht gestellt, aber es ging um Reflexionen darüber, aus welchem Holz die Gemeinde geschnitzt ist, wie und wohin sie wachsen möchte. Ist ja nicht einerlei: der Spitzahorn gibt geeignetes Material für Drechselarbeiten her, aus der Faulbaumkohle kann Schießpulver gewonnen werden...
Biologie und Theologie des Wachsens
In den äußersten Spitzen eines Keimlings, erzählt Waltraud Niel, ist die gesamte spätere Erscheinung des Baums bis ins letzte Detail schon angelegt. Stamm und Äste dienen der Weiterleitung lebenswichtiger Nährstoffe... „Leiten” im Sinne von „Hindurchleiten”, Öffnen der Verbindungskanäle zwischen Wurzelwerk und Baumkrone, Durchlässigkeit als Leitungsprinzip... eine formidable Funktionsbeschreibung für das neue Leitungsteam?
Gernot Wisser bringt „Charismen” (Anlagen, Begabungen) ins Gespräch: kein Wachstum ohne (Selbst-)Erkenntnis über Natur und Eigenart des Gewächses, kein Wachsen ohne Einschnitte, Rückschnitte, Ruhephasen... Wachstum verläuft nicht linear, sondern zyklisch.
Standort und Ausblick
Auf dem plakatgroßen Bild eines Baums positionieren sich die Anwesenden, kleben Zettel an der Stelle auf, wo sie sich in diesem Sinnbild für die Gemeinde zum jetzigen Zeitpunkt wiederfinden. Zwei Zettel-Ballungszentren entstehen, eins im Wurzelwerk, das andere in der Baumkrone. Der Stamm, die Verbindung, bleibt spärlich besetzt. Oben - unten.
Mir fällt Christian Morgenstern ein: Zwei Tannenwurzeln groß und alt unterhalten sich im Wald. Was droben in den Wipfeln rauscht, das wird hier unten ausgetauscht... Die eine sagt: knig. Die andre sagt: knag. Das ist genug für einen Tag. Aber nicht für einen Gemeindetag: Arbeitsgruppen sammeln Wünsche für die nächsten Jahre (darunter: bessere Aufteilung der Dienste, mehr Ausflüge...) und orten Zufriedenheit mit der Gestaltung der Liturgie. Als neben den Zielen der Gemeinde (der Wachstumsrichtung) auch ihr Zweck, ihr Nutzen hinterfragt wird (Holz, Früchte oder Blüten?), stelle ich fest, dass zumindest mir das bloße Da-Sein dieses ruprechtschen Gewächses samt meiner Freude daran genügt.
Der Gemeinde St. Ruprecht wird übrigens auch das Charisma der Intellektualität zugeschrieben. Das klingt beruhigend: Bonsai sind wir keiner.
Renate Stockreiter