Die Seele an Gott

Herr, ich will dich zwei Dinge fragen,
die erkläre mir nach deinen Gnaden:
Wenn meine Augen in der Verlassenheit trauern
und mein Mund einfältig schweigt
und meine Zunge, in Sehnsucht gebunden,
und meine Sinne mich fragen Stunde um Stunden,
was mir sei,
dann steht alles in mir,
Herr, gänzlich nach dir.
Und mein Fleisch verfällt mir,
und mein Blut vertrocknet,
und mein Gebein erfriert,
und meine Adern krampfen,
und mein Herz zerschmilzt nach deiner Minne,
und meine Seele schreit mit eines hungrigen Löwen Stimme.
Wie mir da ist?
Wo du dann bist?
Viellieber, das sage mir!

Mechthild von Magdeburg

aus: FRAGMENTE 22.Jahrgang /Nr.1 / November 2007

Home