Zum ersten Mal bin ich Luise Schottroff begegnet in den frühen 1990er Jahren im Kardinal-König-Haus. Die evangelische Theologin und Historikerin (Jahrgang 1934) zeichnete in ihrem Vortrag ein Bild der realen politischen und sozialen Bedingungen, unter denen Jesus und die Menschen seiner Zeit gelebt haben. Bis dahin hatte ich keine Ahnung davon, welch gigantisches Besatzungs- und Unterdrückungs- System sich hinter dem wohlklingenden Ausdruck „Pax Romana” verbarg. Vor allem für die Provinzen - wie Palästina - bedeutete das schwere Steuerlasten, unbarmherzig eingetrieben und ins Zentrum der Macht abgeführt. Und es brachte fortschreitende Verschuldung und Verarmung der Bevölkerung. Ähnlich wie jetzt in Teilen Südamerikas gehörte ein immer größerer Teil des fruchtbaren Landes einer kleinen, wohlhabenden Oberschicht, die der Besatzungsmacht angehörte oder deren Interessen vertrat. Zum ersten Mal konnte ich mir vorstellen, was es bedeutet hatte, wenn Jesus von Armut sprach: die reale, bittere Armut jener Menschen, die ihm zuhörten.
1995 schenkten mir Freundinnen zum Geburtstag das neue Buch von Schottroff „Lydias ungeduldige Schwestern - Feministische Sozialgeschichte des frühen Christentums”. Geradezu atemlos habe ich mich in die biblischen Beispiele vertieft. Nun erfuhr ich, wie viel eine Drachme wert gewesen ist. Dieser Betrag hat das Leben einer Person für einen Tag an der Armutsgrenze gesichert. Und der letzte Arbeiter im Weinberg braucht unbedingt den einen Denar - der hat den gleichen Geldwert wie eine Drachme - als Existenzsicherung für einen Tag. Das war kein „Familiengehalt”; Frauen und auch Kinder haben ebenso für das knappe Überleben gearbeitet. Viele andere Beispiele haben mir die Zeit Jesu und die der frühchristlichen Gemeinden lebendig gemacht. Und eine neue Bedeutung biblischer Texte für mein Leben jetzt und hier ist daraus gewachsen. Diese Erfahrung konnte ich auch mit anderen Menschen, vor allem mit Frauen, teilen. 2006 hat dann Schottroff ihr bisher letztes Buch „Die Gleichnisse Jesu” (auch) in Wien vorgestellt. Die Analysen von Schottroff befreien davon, Gott wie einen unbarmherzigen König, einen beleidigten Gastgeber sehen zu müssen - oder einen ungerechten Richter als eine Miniversion Gottes. Im Austausch mit anderen Menschen wurde klar, dass diese so genannten „ekklesiologischen” Auslegungen eine ausgesprochene „Drohbotschaft” vermittelt hatten. Eine weitere wichtige Erkenntnis: Häufig haben solche Interpretationen auch den Stoff geliefert für unheilvolle antijudaistische Einstellungen von Christinnen und Christen, die erst heutzutage langsam aufgelöst werden.
In der herkömmlichen Theologie gibt es sicher allerlei Einwände gegen Schottroffs unorthodoxe Deutung der Gleichnisse Jesu. Für mich ist das ziemlich unwichtig. Denn mir wird damit so mancher biblische Text neu geschenkt: Brot statt Steine.
Elisabeth Hellmichaus: FRAGMENTE 21.Jahrgang /Nr.4 / September 2007