BRIEF AN DIE GEMEINDE ST. RUPRECHT

Es hat eine Zeit gegeben, da haben die Menschen noch Briefe geschrieben. Heute rufen wir uns eher zusammen. Ob in den Briefen doch nicht mehr „zusammen” war als in all diesen Telefonaten?

Die Gemeinde St. Ruprecht befasst sich in diesen Wochen nach Ostern mit einem Brief von Paulus an die Gemeinde von Thessalonich. Wie in allen Paulusbriefen fi nden sich auch in diesem Brief Belehrung und Mahnung. Aber es steht auch viel „Zusammen”, viel Verbundenheit in diesem Brief, in den Zeilen und zwischen den Zeilen. Dass Paulus einen Brief schreibt, ist schon ein Ausdruck dieser Verbundenheit. Vorher war er in Thessalonich und schreibt nun aus Korinth einen Brief. Der Brief ist zur Sprache gebrachte Herzlichkeit, ausdrückliche und verschwiegene Verbundenheit.

So ist das wohl oft mit einer Gemeinde, die man verlassen hat, einem Ort, wo man einmal zu Hause war. Vieles ist vorbei, wohl für immer. Was kann man tun? Einen Brief schreiben. So wie Paulus, hat der Liturgiekreis gemeint, sollte ich das machen: einen Brief schreiben an die Gemeinde, wo ich einmal war. Einen Brief aus Korinth an die Gemeinde St. Ruprecht. Besonders in der Zeit nach Ostern fühlt man sich dazu verführt. Wir haben so viele Jahre miteinander Ostern gefeiert: Die Osterliturgie in St. Ruprecht wurde vom Liturgiekreis mit Hilfe von Prof. Hansjörg Auf der Maur zu einem Höhepunkt des Gemeindelebens entwickelt. Die Erinnerungen daran sind für mich eine bleibende Kostbarkeit. Allerdings ist man mit diesen Erinnerungen in Korinth. Korinth war für mich diese Kartage und Ostern: Paudorf.

Paudorf ist eine Ortschaft in Niederösterreich, zwischen St. Pölten und Krems. Der Pfarrer ist sehr bekannt, Pater Udo Fischer wie auch seine alternative Kirchenzeitung. Ich kannte P. Udo schon lange, noch aus meiner Zeit in der Katholischen Hochschulgemeinde, wo er als Theologiestudent oft die Mittagsmesse in der Ebendorferstraße besucht hatte. Nun haben wir die Bekanntschaft wieder erneuert und miteinander haben wir die Liturgie der Kartage und der Osternacht gefeiert. Einige Male hat Pater Udo mich die Predigt halten lassen und mir zu Gründonnerstag die Füße gewaschen.

Kartage in Paudorf. Ostern auf dem Lande. Es war ganz anders als in St. Ruprecht, aber es war eine zutiefst berührende Erfahrung. Und ich, der ich mich zuvor ein wenig heimatlos gefühlt hatte, habe in dieser Landgemeinde eine Ruprechtsgemeinde der zweiten Art gespürt. Natürlich, vieles war anders als die Ruprechtsgemeinde im Bermudadreieck. Aber die Begegnung der Menschen war authentisch und der Lichtruf „Christus, das Licht” war echt.

Am Ende seines Briefes schreibt Paulus aus Korinth an die Gemeinde von Thessalonich Wünsche für die Zukunft jener Gemeinde. Ein Wunsch lautet: Löscht den Geist nicht aus! Tatsächlich, das wäre wichtig, die Visionen des Anfangs zu bewahren. Natürlich, manches im Leben erstarrt. Einer, der einmal Seifenblasen hat aufsteigen lassen, ist zu einem Briefmarkensammler geworden. Einer, der in seiner Jugend Gedichte gelesen hat, wurde ein Würdenträger. Aus einem Nachtschwärmer in Frühlingsstraßen wurde ein Frühaufsteher. So ist das Leben. Dennoch möge es immer wieder Augenblicke geben, wo einer sich erinnert an die Seifenblasen, an die Gedichte, an die nächtlichen Frühlingsstraßen.

Das wünsche ich aus Korinth auch der Gemeinde St. Ruprecht. Sie möge nicht vergessen auf die Neugierde des Anfangs und die Bereitschaft, miteinander einen Weg zu gehen, einen noch nicht gebahnten Weg. Löscht den Geist nicht aus. Ich habe mich in den letzten Monaten viel beschäftigt mit so genannten „Verlorenen Wörtern”: Wörter, die wir meistens noch verstehen, aber kaum noch verwenden. Der Anlass dazu war ein Aufruf im evangelischen Berliner Dom: Besuchen Sie unsere Gottesdienste der verlorenen Wörter! Das sind nicht nur religiöse Wörter. Ein solches profanes verlorenes Wort mag sein: das Wort Flegeljahre. Kluges bekanntes Etymologisches Wörterbuch schreibt, dass mit diesem Wort gemeint ist: „die Übergangszeit, in der sich Halbwüchsige formlos benehmen.”

Nun dieses formlose Benehmen der Halbwüchsigen ist für die, die diese Phase schon hinter sich haben, nicht immer angenehm. Irgendwann ist aus dem Halbwüchsigen ein Briefmarkensammler, ein Würdeträger, ein Frühaufsteher geworden. Aber es ist damit auch etwas Spielerisches verloren gegangen. Etwas Geist ist ausgelöscht. Und nun las ich in Zusammenhang mit meinen bescheidenen Sprachforschungen auch das Wort „Flegeltage”. Ich kannte das Wort nicht. Ich denke, es ist ein gutes Wort für alle, die glauben ihre Flegeljahre seien vorbei, auch die Flegeljahre in der Ruprechtskirche. Sie mögen dann und wann einen Flegeltag einlegen. Die Gemeinde St. Ruprecht möge einmal im Monat einen Flegeltag feiern. Das ist dann ein Tag, an dem man sich formlos benehmend keine Bilanzen sondern Gedichte liest. Möge das so sein!

Joop Roeland

aus: FRAGMENTE 21.Jahrgang /Nr.3 / Mai 2007

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