Potentiell soll eine Gemeinde all das an Pastoral tun, was sie kann und gut tun
kann. Das kann an verschiedenen Orten ganz Verschiedenes sein - aber die
Gläubigen vor Ort müssen es auch wirklich können. Dies möchte ich die potentielle
charismatische Omnipotenz der Gemeinde nennen:
Was ihr geschenkt ist, soll sie verwirklichen - und auch verwirklichen dürfen.
Aber was ihr nicht geschenkt ist, soll sie nicht machen müssen.
Mit zwei Ausnahmen, und beide sind gnadentheologisch begründet.
Zwei Aufgaben sollte und kann sich eigentlich keine Gemeinde entziehen: der
Liturgie und der kommunikativen Präsenz vor Ort. Denn in beiden geht es um
das Angebot der Gnade Gottes. (...)
Ich denke, Ihre Gemeinde hätte die Aufgabe prophetischer Intellektualität. Wenn Prophetie bedeutet, die Sprachlosigkeit aufzubrechen gegenüber dem Nochnicht- Sagbaren, aber Notwendig-zu-Sagenden, wenn Prophetie meint, angesichts neuer Realitäten die alte Botschaft neu, überraschend, umstritten und prekär zur Geltung zu bringen, dann hätte eine Intellektuellengemeinde wie die Ihre die prophetische Aufgabe neuer, neu gewagter, risikoreicher, experimenteller Gottesrede.
Etwas als prophetische Herausforderung zu begreifen heißt, das Neue entdecken wollen, das in diesem „Etwas” steckt und zwar aus dem, was wir als Perspektive Gottes, wie unzulänglich auch immer, im Glauben erschließen können. Und es heißt, für dieses Neue Worte, Zeichen, Handlungen finden. Intellektuelle haben eine Sucht nach dem Neuen, nach der neuen Perspektive, das ist ihre Stärke, übrigens auch ihre Schwäche und ihre Verführbarkeit. Christliche Intellektuelle sind diesem neuen Blick verpfl ichtet wie ihrer alten Tradition. Was sich an neuer Rede von Gott ergibt, wenn man beides miteinander ins Spiel bringt, das herauszufi nden ist Ihre Aufgabe, können so nur Sie. (...)
Bleibt der Ort, an dem Sie sind. Es ist die City einer Weltstadt. Man kann keine Pastoral vorbei an dem Ort gestalten, an dem man ist. Daher können Sie der Aufgabe „Citypastoral” nicht wirklich entkommen hinein in ein abgerundet bekömmliches Gemeindemilieu.
„Citypastoral” als Konzept geht vom Ort aus, an dem sie stattfi ndet, und damit von allen Menschen, die an diesem Ort zu treffen sind. Citypastoral als Pastoral in gesellschaftlichen Verdichtungszonen, wie es Innenstädte sind, will Situationen gestalten, an denen Menschen gerade wegen des Schutzes der Flüchtigkeit zu intensiver Kommunikation bereit sind. „City-Pastoral” stellt sich „an die alltäglichen Wege der Menschen” - und das durchaus im wörtlichen Sinne.
aus: FRAGMENTE 21.Jahrgang /Nr.1 / Dezember 2006