Dank

Für zwei Kirchenzeitungen schreibe ich Mini-Beiträge über „verlorene Wörter”. Niedrigkeit ist kein verlorenes, vergessenes Wort, aber es wäre gut, wenn das einmal so sein wird. Es ist ein missbrauchtes Wort, das Menschen zu unkritischem Denken und zu unselbständigem Leben verführt hat. Minderwertigkeitsgefühle wurden als Niedrigkeit religiös gezüchtet. Viele ältere aufrichtige Christen tragen davon lebenslänglich die Narben.April 2006 war ich kurz in Eindhoven, einer größeren Stadt im Süden der Niederlande, wo die Einwohner nicht unter Minderwertigkeitsgefühlen leiden. Sie haben für ihr Selbstbewusstsein zwei Gründe: Philips, jener Weltkonzern, der dort seinen Ursprung hat und PSV, ein erfolgreicher Fußballklub. Gerade an jenem Sonntag im April, wo PSV Landesmeister wurde, war ich in Eindhoven. Ich ging durch die Stadt zwischen fröhlichen, selbstzufriedenen Menschen und landete in einem Kaffeehaus, wo auch eine Dame mit einem großen, gehorsamen Hund verweilte. Den beiden, Dame und Hund drängte sich einer auf, der sich Hundepsychologe nannte. In einer Art Taubstummensprache versucht er mit dem Hund Kontakt aufzunehmen. Der Hund allerdings interessierte sich nicht besonders. Dann sagte er der Dame: „Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen sagen, wie Ihr Hund sich fühlt.” Obwohl die Dame es nicht wissen wollte, erklärte er ihr trotzdem: „ Der Hund denkt: „Ich bin ein Nichts. Ich kann nichts. Ich bin nur geduldet.” – Also ein katholisch erzogenes Tier voller Minderwertigkeitsgefühle. Und wir? Wir werden wohl eine Mitte finden müssen zwischen einem selbstbewussten Eindhovener und einem katholischen Hund.Ich denke: Dankbarkeit ist eine solche Mitte. Der Beschenkte hat einen gewissen Stolz, weil er es war, für den man sich so große Mühe gegeben hat und dem man solche guten Worte gesagt hat. Allerdings: er weiß auch: er ist ein Beschenkter.Andere, nicht er selbst hat das gemacht. Viel Unverdientes war dabei. Beim Rückblick auf 50 Jahre Arbeit und 75 Lebensjahre weiß er nicht nur um das Versäumte, das freundlich übersehen wurde. Er weiß auch, dass beim Gelungenen vieles auch mit Hilfe vieler zustande gekommen ist. So ist es. So danke ich. Ganz besonders für die Verbundenheit in Freundschaft, die auch über die Jahre in der Ruprechtskirche halten wird. So wird es sein.

Joop Roeland

wie die worte das fliegen lernten
Das neue Buch von Joop Roeland ist im Otto-Müller-Verlag erschienen.
ISBN 3-7013-1118-8
Kosten: 17 Euro.
Das Buch ist – zu den Öffnungszeiten oder nach den Gottesdiensten – in der Kirche erhältlich.

aus: FRAGMENTE 20.Jahrgang /Nr.3 / Juni 2006

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