neue musik in st. ruprecht

Umgeben von den anregenden Düften einer mexikanischen Fischspeise, die Angélica Castelló „arrangierte”, reflektierte sie mit glücklicher Miene und einem vorausschauenden Tatendrang über das erste Jahr der Konzertreihe „neue musik in st. ruprecht”. Anwesend waren zudem ihre Mitstreiterlnnen Katharina Klement, Andreas Platzer und Thomas Grill. Diese Konzertreihe in Wiens ältester Kirche geht auf eine Initiative der aus Mexiko stammenden, in Wien lebenden Musikerin (Komponistin, Improvisatorin, Interpretin, Blockflötenspezialistin) zurück und nahm im Frühjahr 2004 ihren Anfang. Für den programmlichen Inhalt und die organisatorische Abwicklung zeichnen primär Angélica Castelló und Andreas Platzer, unermüdlicher Geist in der heimischen alternativen Musiklandschaft, verantwortlich. Als künstlerische Beraterinnen stehen den beiden noch die Musikerinnen Katharina Klement und Thomas Grill zur Seite. Zu Beginn stand lediglich der sehnliche Wunsch im Raum, erzählt Castelló, einmal monatlich Konzerte zu veranstalten... „... Somit ist ein Grundgedanke der Konzertreihe in der Ruprechtskirche schon der, dass es ausschließlich um die Musik gehen soll. Und die Kirche als architektonischer Raum hat mich ebenfalls sehr fasziniert. Abgesehen davon gibt es nicht allzu oft „Neue Musik” in Kirchen. Ich persönlich spiele am liebsten in Kirchen. Das rührt von meiner Erfahrung her, die ich als Interpretin von „Alter Musik” machte. Die Kirche bietet sich in vielen Belangen, von der Ruhe, der Größe, bis zu den akustischen Voraussetzungen, als optimale Örtlichkeit an. Gerade letzteres ist von großer Bedeutung, denn die akustischen Gegebenheiten der Kirche ermöglichen es auch unverstärkt zu spielen, was gerade der „Neuen Musik” oftmals sehr entgegenkommt. Somit war für mich klar, dass nur ein Kirchenraum als Veranstaltungsort infrage kommt. Weiters ereignet sich in der Kirche eine andere Erlebnishaftigkeit. So ist man zum Beispiel im Winter mit physikalischer Kälte konfrontiert. Mir erscheint es auch wesentlich, dass man nicht immer von einer heimeligen Gemütlichkeit umgeben ist. Es geht, wie gesagt, um die Musik und darum, sich auf diese und die Umgebung einzulassen. Denn ich bin schon der Ansicht, dass das Publikum auch seinen Beitrag einbringen sollte. Das ist von entscheidendem Belang. Die Atmosphäre in der Kirche ist durch die sich immer wieder verändernden Gegebenheiten äußerst lebendig.”

Thomas Grill fügt hinzu, dass er Diskussionen betreffend eines geeigneten Raumes für experimentelle Musik am Elektro Akustischen Institut der Musikuniversität Wien noch gut im Ohr hat. Mit großer Freude stellt er fest, dass es diesen Raum nun mit der Ruprechtskirche gibt. Für ihn deckt diese Örtlichkeit ein dringendes Bedürfnis der alternativen Musikszene, mit all seinen Schattierungen, ab. „Hier hat sich eine ganz wesentliche Präsentationsplattform für „Jetzt Musi” etabliert”, betont er.

Kennzeichnend für das Programm der „Neue Musik” Schiene in St.Ruprecht ist das breite Spektrum musikalischer Ausdrucksformen. Die Veranstalter wollen sich ganz bewusst von einem Purismus jeglicher Art abgrenzen.

Angélica Castelló: „Ich möchte die Programmidee nicht auf die experimentelle Musik als alleinige Spielhaltung reduzieren. Uns ist es ein Anliegen, ein breites stilistisches Schaffen anzubieten. Von zeitgenössischer komponierter Musik über Jazz, Songwriting bis zu improvisierter Musik. Als Kriterium zählt einzig allein ein eigenwilliges, signifikant persönliches Profil der musikalischen Arbeit. Das Experiment liegt mehr in der Tatsache verankert, wie mit dem Kirchenraum umgegangen wird. Das ist quasi eine Vorgabe an die MusikerInnen. Und in eben diesen verschiedenen Herangehensweisen liegt dann auch das Spannende begründet. Eine bestimmte ästhetische Linie wird von uns jedenfalls nicht forciert.”

Da wäre dann noch die Frage nach dem finanziellen Background eines solch ambitionierten Vorhabens. Diesbezüglich gilt der Dank Castelló der IGNM, dem SKE und der mexikanischen Botschaft. Letztere war in den Anfängen sehr großzügig.

Abschließend ein Statement von Castelló über ihre musikalische Philosophie: „Ich kann mir das Leben ohne Poesie nicht vorstellen. Und in der Arbeit mit der Musik finde ich die ganze Poesie die ich brauche. Jacques Brel hat einmal gesagt, Musik ist Aspirin fürs Publikum. Das finde ich sehr treffend, außerdem will ich mit meiner Musik das Publikum gefühlsmäßig wie intellektuell stimulieren, zum Nachdenken bewegen.”

aus: FRAGMENTE 20.Jahrgang /Nr.2 / Februar 2006

Hannes Schweiger, Auszug aus „freiStil”, Ausgabe 09/2005

INFOS:

www.ruprechtskirche.at
www.firstfloor.org/angelicacastello

CD TIPPS:

Low Frequency Orchestra:

„Improvisation Interpretation” und „Cut III” (beide im Eigenverlag erschienen)

Info: lfo.grrrr.org

Home