Bad Pirawarth ist ein bescheidenes Dorf im niederösterreichischen Weinviertel. Es ist vor allem durch ein Rehabilitationszentrum bekannt. So lernte ich diese kleine Ortschaft kennen, das Rehab-Zentrum und die Pfarre. Die Pfarre kam einem nicht nur bei den freundlichen Gottesdiensten, sondern auch bei einem Singspiel entgegen. Die Gruppe Do-Re-Mi, ein sinnvoller Name für einen Kinderchor, boten an einem Sonntagnachmittag ein Singspiel, wobei es sich um die Arche Noachs handelte, um die Wasserkatastrophe vor vielen tausend Jahren. Und um die Tiere in der Arche, die allmählich vom Herumfahren genug hatten „Meuterei auf der Arche” lautete der bedrohliche Titel dieses Singspiels. Für den Zuschauer handelte es sich aber wohl in erster Linie um die Do-Re-Mi- Kinder, die an jenem Sonntagnachmittag mit so viel Begeisterung sangen und spielten. Was wird aus diesen Kindern werden? Jetzt sind sie noch so jung und unbeschwert. Sie brauchen noch kein Rehab-Zentrum. Was für Katastrophen werden sie noch einmal erfahren? Neue Wasserkatastrophen? Wird das Eis am Nordpol, am Südpol schmelzen? Wird von den Gletschern nichts bleiben? Kommt eine neue Sintflut? Werden diese Kinder in 50, 60 Jahren noch so lachen und singen wie heute?
Im Rehabilitationszentrum trifft man mehr junge Leute als man erwartete hatte: junge Leute mit Krücken und anderen Problemen. Trotzdem lachen sie wie die Kinder im Singspiel. Dieses Lachen möge sie und die Do-Re-Mi-Kinder lebenslänglich begleiten. Es möge nicht alt werden. In allen Katastrophen des Lebens mögen sie sich an das Lachen der Jugend erinnern.
Am Ende des Singspiels gab es ein technisches Problem. Nachdem eine Hoffnung versprechende Taube tadellos ihre Botschaft vom Ende der Sintflut angedeutet hatte, sollte sich wie in der biblischen Geschichte ein Regenbogen entfalten. Die Bühnentechnik von Pirawarth hatte sich etwas einfallen lassen: ein breites Tuch mit der Regenbogenfahne sollte sich über die Bühne entfalten. Leider funktionierte diese Apotheose nicht auf Anhieb. Nur Fragmente des Regenbogens zeigten sich mühsam. Bis die Leiterin des Spiels mit Hilfe einer Leiter den vollen Regenbogen zur Entfaltung brachte. Es war ein liebenswürdiger Schlussstrich hinter der Katastrophe. Wir applaudierten erleichtert. Und siehe da! Gerade die mangelhafte Darstellung dieses Symbols der Zukunft gab dem Regenbogen noch eine zusätzliche Farbe. Es wurde mehr als nur ein Versprechen von Zukunft und Frieden. Es besagte auch, wie mühsam diese Zukunft geboren wird. Eigentlich erinnerte der behinderte Regenbogen an das alte theologische Problem vom Verhältnis von Gottes Gnade und menschlichem Tun. Sicher wir erwarten, dass Friede und Zukunft von oben kommt und so sich unter uns entfaltet. Aber manchmal ist es schon sehr gut, wenn eine Frau mit einer Leiter eine helfende Hand reicht.
Joop Roelandaus: FRAGMENTE 19.Jahrgang /Nr.4 / September 2005