Fasten

Die weißen Zeilen im Gedicht,
die offenen Stellen eines Textes
machen den Text erst vollständig.
Die nichtgesagten Worte,
die Auslassungen stiften den Sinn.
Im Gespräch der Menschen
ist auch ihr Schweigen
zu bedenken in Ehrfurcht.
Auch die leisesten Andeutungen mögen
von den Hellhörigen verstanden werden.
Erst wer die Sprache
hinter der Sprache vernimmt,
hat die Worte des anderen verstanden.
Die Unterbrechung im Lied
lässt den Hörenden aufhorchen:
nur wer auch die Zwischentöne hört,
hat das ganze Lied gehört.
Die unvollendeten Symphonien
lassen ihre Ganzheit erahnen.
Fasten ist wie ein ausgelassenes Wort
im Gedicht des Lebens.
Fasten ist eine Unterbrechung
die das Leben vollständig macht.

Joop Roeland

aus: FRAGMENTE 19.Jahrgang /Nr.2 / Februar 2005

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